Wahr oder nicht wahr?

Natürlich: Man kann alles lesen. Muss man aber nicht – auch wenn Woody Allens Autobiographie trotz Protesten erscheint. Der Umgang mit dieser Neuerscheinung bleibt ein Dilemma, es gibt aber ja auch andere Bücher.

Farrow gegen Allen, vielleicht auch umgekehrt: Allen gegen Farrow, es ist ein Rosenkrieg und eine komplizierte Familienangelegenheit. Einige der inzwischen erwachsenen Kinder sind gegen den Vater, die anderen für ihn – und die Öffentlichkeit schaut sich das Spektakel fasziniert bis angewidert an.

Bei den Protesten gegen die Veröffentlichung von Woody Allens Autobiographie geht es vor allem um eine Frage, die seit langem in der Öffentlichkeit verhandelt wird: Ob er 1992 seiner damals siebenjährigen Stieftochter Dylan Farrow auf übergriffige Weise nahegekommen ist oder ob dieser Vorwurf zum Rachefeldzug seiner Ex Mia Farrow gehört. Ein Rachefeldzug, der auf Nacktfotos ihrer anderen Adoptivtochter Soon-Yi antworten soll, die Mia Farrow bei Allen gefunden hatte – die Tochter, mit der er inzwischen verheiratet ist.

 

Kunst und moralische Integrität

Wieder einmal geht es um die Frage, welche Rolle die moralische Integrität bzw. die Persönlichkeit eines Künstlers für die Rezeption seines Werks spielen muss oder soll. Die Frage ist nicht zu klären, muss vielmehr von jedem Rezipienten, von jeder Rezipientin immer wieder neu beantwortet werden: Denn Werke sind unabhängig von ihren Urheber*innen – und sind doch nicht von ihnen zu trennen. In Allens Fall kommt hinzu, dass wir Außenstehenden vermutlich niemals erfahren werden, was 1992 tatsächlich geschah und wer lügt: Dylan Farrow oder Woody Allen.

Dabei macht es wenig Sinn, zu berücksichtigen, dass die meisten, die wie Dylan Farrow von Übergriffen sprechen, das nicht aus Jux und Tollerei tun, sondern weil sie schwerwiegende Gründe dafür haben. Es kann dennoch Ausnahmen von dieser Regel geben – wir wissen es in diesem Fall aber nicht.

Wir wissen allerdings, wie Allen auf die Vorwürfe reagiert. Natürlich ist es für ihn schwierig, damit umzugehen – aber selbst wenn er sich nichts hat zuschulden kommen lassen, gäbe es Besseres, als einfach nur süffisant oder plaudernd diese Geschichte abzuhandeln und zu versuchen, sie vom Tisch zu wischen.

 

Lesen oder nicht lesen?

Sexualisierte Gewalt ist nicht zuletzt ein gravierender Vorstoß gegen die psychische Integrität eines Kindes und wird zu Recht als Verbrechen geahndet. Woody Allen aber scheint nicht nur seine (ehemalige) Adoptivtochter nicht ernst zu nehmen, sondern auch das Problem, über das sie spricht – ein Problem hat sie auf jeden Fall, aber das scheint ihn nicht zu interessieren. Und er will nichts daran problematisch finden, dass er die andere Adoptivtochter Mia Farrows geheiratet hat.

Die Proteste gegen die Veröffentlichung seiner Autobiographie haben dazu geführt, dass es nicht bei Hachette erscheint. Das englische Original veröffentlicht jetzt ein anderer Verlag, und Rowohlt hält an der deutschen Übersetzung fest. Natürlich darf man dieses Werk lesen. Ich verbringe meine Zeit aber lieber mit anderen Büchern.

 

 

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