Was ist der Mensch?

Diese Texte erschienen 1963, ihre Bedeutung haben sie aber nicht verloren: Sie sind noch heute ein beeindruckendes, bewegendes Plädoyer für Würde und Menschlichkeit.

100 Jahre nach dem Bürgerkrieg wurden diese Texte James Baldwins veröffentlicht. Nicht einmal zehn Jahre war es her, dass der Rassismus in US-amerikanischen Schulen beendet wurde – beendet werden sollte. Der Alltag aber, das Leben, das Denken und Fühlen war rassistisch. Viele Schwarze versuchten, ihre Verzweiflung, ihren Selbsthass, der ihnen seit den ersten Atemzügen eingetrichtert wurde, in dem Glauben an den barmherzigen christlichen Gott zu beruhigen, in dessen Namen ihre Vorfahren versklavt worden waren. Andere richteten ihren Hass auf die Weißen, die ihnen das Leben zur Hölle machten.

 

Borniert, ungerecht, grausam

So stellte Baldwin es dar – und seine Texte wurden sofort zum Bestseller: weil sie beeindruckend, bewegend geschrieben sind; weil sie genau in die Zeit passten, Rassismus nicht nur analysierten, vielmehr zeigten, was er für Schwarze bedeutete – und was er über die Weißen sagte, ihren angeblichen Humanismus, über die Freiheitsliebe der Amerikaner, die für ihren Gründungsmythos schwärmten und für ihre aufrechten Helden. Dabei vergaßen sie die Indianer, deren Leben sie zerstört hatten, und die Schwarzen, die sie benutzt hatten, um Wohlstand zu erwirtschaften. Damit das moralisch nicht allzu verwerflich schien, galten sie eben nicht ganz als Menschen.

 

Die historische und die zeitlose Dimension

Auch das ist einer der Gründe, warum Baldwins Texte heute noch interessant sind: Er denkt den historischen Kontext mit, den Kolonialismus der Europäer ebenso wie die Religion, die ihre Eroberungszüge und Gräueltaten begleitete.

Lesenswert sind die Texte aber auch wegen ihrer anthropologischen Dimension: Was ist der Mensch? Eben beides: grausam, ohne Empathie, selbstgerecht, borniert, ungerecht; er engagiert sich aber auch für Menschenrechte, weiß um die Bedeutung der Würde, fühlt mit anderen mit.

Natürlich: Diese Fragen waren 1963 nicht neu und sind es heute erst recht nicht. Sie sind vielmehr zeitlos, auch die Antworten sind dieselben geblieben, bis heute, noch lange nach dem Zeitalter der Aufklärung.

Wer an Menschenrechte glaubt und daran, dass es nicht sein darf, dass Menschen ausgebeutet, versklavt, mundtot gemacht werden; wer glaubt, dass jeder ein Recht auf Bildung hat und auf ein Leben in Würde, braucht Stimmen wie die des 1987 verstorbenen US-amerikanischen Schriftstellers – und die gute Nachricht ist, dass dtv mit der Neuübersetzung seines Werks (nicht nur mit diesem Band) sehr positive Resonanz findet.

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer. Übersetzt von Miriam Mandelkow. Januar 2019, dtv, 128 Seiten, 18 Euro

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