Vorhang zu!

Woody Allen möchte wieder einmal auf sich aufmerksam machen, dieses Mal mit einer Autobiographie. Sein US-Verlag hat ihm nach Protesten jetzt abgesagt. Die deutsche Ausgabe soll aber erscheinen.

Es geht um mehr als um ein Buch: Es geht um eine prominente Familie, die längst zerbrochen ist, und um Familienmitglieder, die heikle Auseinandersetzungen öffentlich führen.

Aktuell ist Ronan Farrow im Fokus, eines der (Adoptiv-) Kinder Woody Allens. Er hat selbst ein Buch geschrieben: Es ist einer der Steine, mit denen die Bewegung gegen Harvey Weinstein ins Rollen kam. Ronan Farrow machte dessen Machtmissbrauch öffentlich, und er steht zu seiner Schwester Dylan Farrow, die ihrem früheren Stiefvater Woody Allen vorwirft, sie missbraucht zu haben, als sie sieben war. Sein Verlag ist derselbe, in dem auch dessen Autobiographie erscheinen sollte, wogegen sich der Sohn energisch ausgesprochen hat.

 

Meister im Schönreden

Weil es um den Vorwurf von Verbrechen geht – um Verbrechen zumal, die in vielen Familien vertuscht wurden und werden –, ist diese Angelegenheit nicht privat, aber es ist natürlich schwierig, mit ihr umzugehen. Für das, was Dylan Farrow ihrem ehemaligen Adoptivvater vorwirft, gibt es keine Beweise, es steht somit Wort gegen Wort – es könnte sein, dass Woody Allen sich nichts hat zuschulden kommen lassen, auch wenn es unwahrscheinlich ist: Die meisten, die (Stief-) Väter sexueller Übergriffe beschuldigen, berichten von dem, was sie tatsächlich erlitten haben.

Abgesehen davon, dass die Öffentlichkeit allmählich einen Eindruck davon bekommt, wie komplex diese Problematik ist – was es genau bedeutet oder bedeuten kann, dass es keine physischen Beweise im herkömmlichen Sinn gibt – ist Woody Allens Fall speziell, weil er eine der Adoptivtöchter seiner früheren Frau Mia Farrow geheiratet hat. Das war legal, sie war volljährig zum Zeitpunkt der Eheschließung – und doch: Er hatte eine sexuelle »Beziehung« zu einer jungen Frau, die ihm anvertraut war.

Dass sie still an seiner Seite steht und mit ihm auch noch zwei Mädchen adoptiert hat, kann bedeuten, dass sie umfassend manipuliert wurde – und dafür spricht leider einiges. Natürlich: Ferndiagnosen sind hochproblematisch, und Küchenpsychologie ist keine Wissenschaft. Dennoch: Allein die Tatsachen sind sehr irritierend, und Woody Allen ist ein Meister darin, sie schönzureden.

 

Machtmissbrauch und Manipulation

Jetzt will er also seine Memoiren veröffentlichen. Ronan Farrow hat sich daraufhin von seinem Verlag getrennt. Jetzt aber hat der Hachette-Verlag nach Mitarbeiter-Protesten die Veröffentlichung von Allens Buch abgesagt. Die deutsche Übersetzung soll dennoch erscheinen. »Die Vorwürfe gegen Woody Allen sind seit Anfang der Neunzigerjahre bekannt, sie sind umfassend untersucht und schließlich entkräftet worden«, so zitiert der Spiegel den Rowohlt Verlag.

Für Allens Buch wird bereits die Trommel gerührt, und es ist die Frage, wie man mit ihm umgeht. Ich würde gern dagegen trommeln – auch, aber nicht nur wegen der Missbrauchsvorwürfe von Dylan Farrow: Ich finde es bestürzend, dass Woody Allen eine Tochter seiner Frau geheiratet, dass er Grenzen, für die es sehr gute Gründe gibt, über einen Haufen geworfen hat. Hier geht es nicht um Spießer-Moral, sondern um Abhängigkeit, Manipulation, Machtmissbrauch – dieses Recht sollte sich niemand nehmen dürfen.

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/usa-verlag-sagt-veroeffentlichung-von-woody-allens-autobiografie-ab-a-9b2f0076-862f-4a70-b379-f64eccf69917

 

 

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