Verrückt, bizarr, faszinierend

Ein Thriller, der aus dem Rahmen fällt: Außergewöhnliche Heldin, außergewöhnliche Mischung aus Action und Sensibilität, schlichter Heldinnenverehrung und Differenzierung.

Jenny Aaron ist eine Superheldin, hervorragend trainiert, sie kann Karate, sie kann schießen und alles andere, was man so braucht, um unter Killern zu überleben. Dabei ist sie blind: Die Elitepolizistin hat ihr Sehvermögen in Barcelona durch einen Schuss in den Kopf verloren.

Den Verlust kann sie mit äußerster Willenskraft kompensieren, sie hat sich Techniken angeeignet, um sich ohne Sehvermögen orientieren zu können. Mehr noch: Die anderen Sinne haben das Sehen übernommen – Aaron kann einen Luftzug hören, die Bewegung eines anderen im Raum spüren.

 

Kinder als Kampfmaschinen

Sie kämpft dann auch weiterhin für die »Abteilung«, eine geheime Berliner Spezialtruppe, die jetzt aber in besonderer Weise bedroht ist. Bedroht durch einen Verräter und durch eine Killerin, eine Assassine, ein Spiegelbild Aarons, eine Schwester, eine Seelenverwandte. Beide wurden von ihren Vätern als Kinder zu Kampfmaschinen herangezogen, trainiert, konditioniert.

Dieser Aspekt erscheint besonders abgedreht. Andreas Pflüger lässt aber bei aller Action viel Raum zum Nachdenken – und wer mag, kommt in Gedanken schnell zu Kindern, die tatsächlich zum Töten ausgebildet werden, seien es Kindersoldat_innen oder Selbstmordattentäter_innen. Das ist nicht Pflügers Thema in seinem dritten Band um Aaron, aber man kann es zwischen den Zeilen lesen.

 

Verschiedene Formen des Blindseins

Sein Thema ist die Übermacht der Väter: Helden, die ihren Töchtern die Kindheit nahmen, sie perfekt in ihre Welt einpassten, ihnen keinen Spielraum ließen, sich für eine andere Welt zu entscheiden. Ein Arzt sagt dann auch zu Aaron, dass letztlich nicht die Kugel in Barcelona sie geblendet habe, sondern ihr Vater: Ihr Gehirn verarbeite nicht nur deshalb Sehreize nicht, weil sie physisch verletzt ist, sondern auch, weil sie an den Vater gebunden bleibt, sich aus seinem Schatten, aus seiner Übermacht nicht befreien kann.

Das ist es, was dieses Buch besonders macht: Die bizarre Mischung aus Action mit coolen Sprüchen von den coolen Typen der »Abteilung« – und dann das Nachdenken darüber, was Sehen bedeutet, Orientierung in der Welt, die Ziele, die man sich setzt, der Sinn, den man dem Leben gibt.

Auf Aarons Heldinnenstatus könnte ich verzichten: Pflügers Verehrung für sie ist zu dick aufgetragen. Insgesamt ist dieses verrückte Buch aber faszinierend.

Andreas Pflüger: Geblendet. August 2019, Suhrkamp, 508 Seiten, 22 Euro

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.