Klares Nein

Der prominente Schriftsteller Gabriel Matzneff warb geschickt dafür, den Sex mit Kindern und Jugendlichen zu legalisieren. Jetzt ist Vanessa Springoras beeindruckende Antwort in deutscher Übersetzung erschienen.

Damals, in den Achtzigern, schrieb er über sie, über seine „Muse V.“ Jetzt hält sie dagegen, und ihr Buch hat in Frankreich viel bewegt, hat Debatten angestoßen und Sichtweisen verändert: ihre Erinnerungen daran, wie sie als 13-Jährige den 50-jährigen Gabriel Matzneff kennen lernte. Den berühmten Schriftsteller, der ihr das Gefühl gab, jemand Besonderes zu sein. Den Intellektuellen, der offen über Sex mit Minderjährigen schrieb und ihn entkriminalisieren wollte.

Dafür warb er in Kultursendungen oder 1977 mit einem offenen Brief in Le Monde, der unter anderem von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre unterschrieben wurde. Viele unterstützten seinen Kampf gegen die Spießer, Teilnehmer*innen in den Talkshows ebenso wie Polizist*innen, die Matzneffs Treiben lediglich mit einem freundlichen Augenzwinkern begegneten.

 

Wohlwollende Duldung von „Kavaliersdelikten“

Um die betroffenen Kinder und Jugendlichen ging es in diesem Kampf um sexuelle Befreiung nicht. Jungen in Thailand verkauften ihre Körper „freiwillig“ an Matzneff, Mädchen in Frankreich standen bei ihm Schlange. Entsprechend wählte Springora den Titel für ihr Memoir, „Le consentement“, „Die Einwilligung“: Matzneff hat niemanden vergewaltigt. Und doch zahlte sie einen hohen Preis für den Sex mit dem Promi: schwere Depressionen, Schlaflosigkeit, Scham, Schuldgefühle, Ekel, Realitätsverlust – das Gefühl, eine Fiktion zu sein, festgeschrieben, gefangen in den Texten des anderen.

 

Meister der Manipulation

Ihr Buch über diese Zeit ist ein persönliches, emotionales Memoir, in dem die Empörung an vielen Stellen durchsickert: Die Empörung über die ausbeuterische Energie Matzneffs und über den Spielraum, den Literaturbetrieb und Gesellschaft ihm gaben.

Dabei gelingt es ihr, zu erklären, was so schwer zu verstehen ist, wenn physische Gewalt nicht im Spiel ist: Sie erklärt, warum Sex mit Kindern und Jugendlichen nicht lässig abgenickt werden sollte, auch wenn er „einvernehmlich“ erfolgt. Nämlich weil ihnen in den meisten dieser Fälle viel genommen wird, weil sie grundlegend manipuliert werden. Das ist das Besondere an Springoras Buch: Es zeigt, dass Matzneff so schwer als Jäger zu erkennen war, weil er seine Beute gefügig machte.

Vanessa Springora: Die Einwilligung. Übersetzt von Hanna van Laak. Blessing, 176 Seiten, 20 Euro

 

 

 

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