Nordsee-Held

Ein leiser Roman um eine extreme Maßnahme: Ein 62-Jähriger geht in Dover ins Wasser, um durch den Ärmelkanal bis Calais zu schwimmen. Rund 24 Stunden wird er unterwegs sein, frei und doch mit Rettungsanker.

Ein solches Vorhaben ist längst kein Einzelfall mehr: Man drängelt sich am Mount Everest, andere klettern das Matterhorn nach oben, oder man schwimmt eben durch den Ärmelkanal. Im besten Fall ist das äußerst anstrengend, es kann auch das Leben kosten, mit Sicherheit ist es kein Vergnügen. Warum trainiert man ausdauernd oder sogar verbissen für solche Herausforderungen, warum tut man sich das an? Auch das sind Fragen, die in Ulrike Draesners Roman mitschwimmen.

Sie erzählt von dem 62-jährigen Chemiker Charles, einem erfolgreichen deutsch-britischen Forscher. Er war zufrieden mit seinem Leben, ist jetzt aber mit einer neuen Situation konfrontiert und will sich darüber klar werden, ob er sich auf die Forderung seiner Frau einlassen soll: Sie will eine Ménage-à-trois gemeinsam mit Silas, Charles ältestem Freund. Ihr Mann will das nicht, will vielmehr das Leben, das er sich vorgestellt hatte, will aber auch seine Frau nicht verlieren – und irgendwie haben sich in seinem Kopf diese Lebensfragen mit dem Schwimm-Marathon verbunden.

 

Kontrollierte Freiheit

Ein Jahr lang hat Charles für die physische und psychische Extremsituation trainiert. Schließlich ist es soweit, er macht sich auf ins 17 Grad kalte Wasser – wärmer wird es nicht als im August. Rund 24 Stunden wird er unterwegs sein, die meistbefahrene Schifffahrtsstraße der Welt kreuzen, muss gegen Strömungen anschwimmen, gegen Müdigkeit, Erschöpfung, gegen sich selbst.

Begleitet wird er von einem Fischerboot mit drei Leuten an Bord. Sie dokumentieren für die Versicherung die Kanal-Überquerung und sollen Charles, zur Not gegen seinen Willen, an Bord holen, wenn ihm die Kraft ausgeht und er zu ertrinken droht. So viel zum Freiheitsbegriff unserer Zeit: Man schwimmt nicht einfach los, man lässt sich vielmehr offiziell als Kanalschwimmer anerkennen, hat ein Protokoll und Lebensretter an seiner Seite. Und am Ende muss man aufpassen, dass man nicht als illegaler Flüchtling gilt, wenn man das französische Festland betritt.

 

Eintauchen ins Wasser und in die Vergangenheit

Diese kontrollierte Extremsituation gestaltet Draesner als eine Reise ins Innere: Während Charles schwimmt und schwimmt und schwimmt, erinnert er sich an die Zeit, als er jung war, als er und Silas zwei Schwestern kennen lernten. Charles war erst mit der einen zusammen, nach ihrem Tod heiratete er dann die andere – diejenige von den beiden, die er immer hatte haben wollen. Dabei ist das Schwimmen auch ein Versuch, Schuld abzuwaschen: Schuldgefühle der ersten Freundin gegenüber, ebenso eine Lüge, auf die Charles seine Ehe aufgebaut hat.

Erzählt wird seine Geschichte in einer Sprache, die sich in den Schwimmenden einfühlt und sich zugleich dem Element anpasst, in dem er unterwegs ist. Es ist ein leises, poetisches Buch, in dem zwischen den Wellen eine Reihe von Themen auftauchen und wieder verschwinden: das Älterwerden, Monogamie, unterschiedliche Erwartungen an eine Beziehung. Der Roman gibt keine Antworten – das Interessante an ihm sind die Fragen, die er stellt, und die Art, wie er mit ihnen umgeht.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer. August 2019, mare Verlag, 176 Seiten, 20 Euro

 

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