Berliner Schlachtplatte

Demnächst erscheint der dritte Band von Ule Hansens Thriller-Reihe um Emma Carow, die begeistert empfohlen wird. Ein guter Anlass, endlich den ersten Fall zu lesen: Hält »Neuntöter« das große Versprechen?

Der erste Eindruck: Der Thriller ist tatsächlich sehr fesselnd, ragt aus dem aktuell großen Angebot deutschsprachiger Spannungskost hervor, ist komplexer, intensiver als manch andere Titel. Der zweite Eindruck: Der Thriller hat jede Menge Schattenseiten.

Im Mittelpunkt steht Emma Carow, keine Profilerin, das sei der Fernsehbegriff, sie ist Fallanalystin. Eine Heldin, die massive Gewalt erlitten hat: Während ihres Studiums wurde sie von einem Kommilitonen in der Jagdhütte seiner Eltern drei Tage lang gefangen gehalten, vergewaltigt, gefoltert. Inzwischen hat er eine siebenjährige Gefängnisstrafe abgesessen und ein Buch über seine Läuterung geschrieben, an die Carow nicht glaubt, die aber in Talkshows sehr gut ankommt. Er wird zum Medienstar, ihr dagegen ist es trotz Polizei- und Schießausbildung nicht gelungen, aus der zutiefst verletzenden Ohnmachtserfahrung herauszukommen.

 

Mumienmorde

Sie versucht dennoch, zu funktionieren, und hat es in Neuntöter mit einem sehr seltsamen Fall zu tun: An verschiedenen Orten Berlins werden Tote gefunden, die wie Mumien eingewickelt sind und sehr aufwendig in leerstehenden Gebäuden aufgehängt wurden. Hinter den Morden stehen Täter, die als Kinder Folter und Gehirnwäsche ausgesetzt waren. Rituelle Gewalt gibt es leider tatsächlich, etwa in sektenähnlichen Gemeinschaften. In der Regel hat sie verheerende Folgen für die Opfer, und es kann sein, dass sie später selbst zu Tätern werden – eine Mordserie, wie sie Ule Hansen hier in Szene setzt, erscheint aber ziemlich bizarr.

Dennoch: Krimis dürfen natürlich alles, was ihre Autor*innen wollen – Leser*innen können selbst entscheiden, ob sie mitspielen. Mir gefiel in diesem Fall nicht, dass der Thriller (sexualisierte) Gewalt als Deko-Element nutzt, alles muss möglichst krass und gruselig sein. Andererseits setzt er sich mit dem Thema auseinander, zeigt etwa, wie schwierig es für Carow ist, aus der Ohnmacht herauszukommen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, nicht mehr von ihr ferngesteuert zu sein.

 

Hundekäfig-Fälle

Meine Einstellung zu Neuntöter war ambivalent – und ich griff nach dem Folgeband: Blutbuche. Das Grundmuster beider Bücher ist nahezu identisch, der zweite Band tritt aber noch einmal krasser und brutaler auf: Wieder geht es um sexualisierte Gewalt und um die Verstrickungen Carows mit dem Mann, der sie vernichten wollte. Es geht um ihre Versehrungen, ebenso um die Reaktionen der Medien und der Gesellschaft auf Opfer und Täter.

Beide Bücher sind Pageturner, und beide regen dazu an, nachzudenken: darüber, wie aus Opfern Täter werden; wie Gewalt Kinder und wie sie Erwachsene prägt; ob Täter sich ändern können oder wollen. Beide Bücher agieren aber sehr plakativ mit Grausamkeit – Blutbuche dreht sich um Frauen, die nackt in kleinen Hundekäfigen gehalten und vergewaltigt werden und denen dann der Kopf abgerissen wird. Wieder einmal liegt also die Frage nach Sinn und Unsinn von Spannungsliteratur nahe: Wie blutig darf’s denn sein? Mein Ding ist diese Art der Schlachtplatte nicht.

 

 

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