Sie sind wieder da

Grotesk und politisch unkorrekt ist diese wilde Mischung über Juden und Nazis, die von der Weltherrschaft träumen. Das Internet führt Thomas Meyer gleich mit vor, das übrigens Nazis in Bayern erfunden haben.

Ironisch und zwischendurch gern mal bissig hat Thomas Meyer jüdisches Leben bereits vorgeführt: In dem Roman Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse, der vergangenes Jahr unter dem Titel Wolkenbruch ins Kino kam. Der Züricher Autor schrieb selbst das Drehbuch, der Film war die erfolgreichste Schweizer Produktion 2018. Jetzt begleitet Meyer den ehemals orthodoxen Juden Motti Wolkenbruch auf seinem weiteren Lebensweg und nimmt Verschwörungstheorien aufs Korn.

Am Anfang ist aber erst einmal Selbstmitleid: Mottis Familie hat mit ihm gebrochen, nachdem er sich mit einer Schickse, einer Nichtjüdin, eingelassen hatte. Die Schickse will auch nichts mehr von ihm wissen, Motti ist einsam, kommt dann aber auf wundersame Weise zu den Verlorenen Söhnen Israels. Er landet in einem Kibbuz, im Hauptquartier der Jüdischen Weltverschwörung, die es offensichtlich also doch gibt, auch wenn sie nur ein chaotischer, unprofessioneller Haufen ist.

 

Das Internet als Hassmaschine

Wesentlich zackiger geht es in einem Berg in Bayern zu, in dem Nazis auch nach 1945 am Endsieg arbeiten. Weil das militärisch wenig vielversprechend aussieht, erfindet man das Internet, mit dem man auch ganz gut Hass säen und Kriege stiften kann. Als Motti mit seiner Truppe dazwischen funkt, schicken die Nazis die rasante Spionin Hulda los: Sie soll Motti ausschalten, der inzwischen zum Anführer des Weltjudentums geworden ist.

Meyer schreibt in geschliffener Sprache, arbeitet gleichzeitig aber auch mit der groben Kelle – mit reichlich Stereotypen und Klischees – und tritt oft unterhaltsam-harmlos auf. Die Welt mag aus den Fugen sein, aber hey, ein bisschen mediterrane, israelisch angehauchte Lebenskultur entspannt auch die zackigste Nazi-Spionin, und eine verbohrte orthodoxe Jüdin – Mottis Mutter – braucht nur ein bisschen Marihuana, um menschlich zu werden.

 

Zwischen Klamauk und Politsatire

Was soll der Roman? Nach den Dreharbeiten zu Wolkenbruch hat sich Meyer vielleicht gelangweilt. Sicherlich will er provozieren. Unterhalten. Noch mehr Erfolg. Er greift aber auch Vorurteile auf, mit denen Juden sich wieder verstärkt konfrontiert sehen, spiegelt die Absurdität dieser Vorstellungen mit Nazi-Ideen, macht sich über beide lustig, führt Ideologien und Unterstellungen ad absurdum – in einer versponnenen Geschichte, in die sich reale Hass-Texte aus dem Internet nahtlos einfügen.

Meyers neue Schrift ist ein Buch, das in keine Schublade passt, sich nicht festlegen lässt zwischen Ernst und Spaß, Kitsch und Politsatire, Klamauk und Zeitkritik – und dann hat er einen doch am Haken. Man denkt nach über Verschwörungstheorien, ihre Absurdität, ihre Wirksamkeit, über Antisemitismus, der auch in aufgeklärten Gesellschaften Anhänger findet, denkt darüber nach, was mit dem Menschen und seinem Gehirn nicht stimmt.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin. September 2019, Diogenes, 288 Seiten, 24 Euro

 

 

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