Kein Herz für Kinder

Der Traum von einer wenigstens halbwegs heilen Kindheit bleibt allzu oft ein Traum. Hierzulande ist die Situation zwar besser als in anderen Regionen. Dennoch: Kindheit müsste viel mehr im Fokus sein.

Stattdessen gibt es jede Menge schöne Bilder, die alle Jahre wiederkommen: die leuchtenden Kinderaugen der Weihnachtswerbespots. Man träumt vom gemeinsamen Plätzchenbacken, vom Schneemannbauen, später wird vorgelesen, am liebsten Bullerbü-Geschichten, es gibt Lieblingsgerichte, gute Gespräche, passende Geschenke.

Die kitschigen Bilder halten sich natürlich deshalb so hartnäckig, weil die Realität sehr viel trister anmutet. Trostlos ist sie allerdings nicht, im Gegenteil, jedenfalls nicht in Deutschland, zumindest statistisch gesehen. Hier hat sich vieles zum Besseren gewendet, sagt Sven Fuchs in dem Buch Die Kindheit ist politisch!, in dem er Studien zum Thema Gewalt interpretiert. War es in den 1950er Jahren noch üblich, dass Lineale über Schülerhände schlugen und Eltern auch noch lange danach prügelten, was das Zeug hielt, sogar die Peitsche nahmen, Kinder im Schrank oder in anderen dunklen Räumen einsperrten und dort auch schon mal eine Weile vergaßen, sieht Kindheit in Deutschland für viele heute anders aus. Sie ist längst nicht mehr so autoritär, tyrannisch und gewalttätig wie noch vor wenigen Jahren – auch wenn das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung erst 2000 in Kraft trat.

 

Gewalt wird in die Wiege gelegt

Dennoch gibt es nach wie vor massive Gewalt gegen Kinder – nicht mehr so viel wie früher in Deutschland oder Schweden, sehr viel mehr dagegen zum Beispiel in Ägypten. Gewalt, Verwahrlosung, Lieblosigkeit seien nicht nur schlecht für die Kinder, sondern auch für die Gesellschaften, in denen sie aufwachsen, betont Fuchs – aufbauend auf Erkenntnissen, die längst nicht mehr neu sind, vielen Kindern dennoch nichts nützen. Seine These: Wenn jemand zum Gewalttäter wird, zum Terroristen, Mörder, Vergewaltiger, hat er oder sie eine lieblose, chaotische, brutale Kindheit hinter sich. Seine Hoffnung: Wenn man schon nicht aus Empathie für gute Kindheiten eintritt, dann wenigstens deshalb, um hohe Folgekosten für die Gesellschaft zu sparen, etwa durch Gerichts- und Gefängniskosten – Menschen, die Liebe erfahren haben und Zuwendung, werden nicht kriminell.

Die Gegenargumente kennt Fuchs natürlich: Eine schlimme Kindheit ist keine Entschuldigung für ein Verbrechen. Und: Nicht jeder, der als Kind Gewalt erfährt, wird selbst gewalttätig. Fuchs wird dann auch nicht müde, seine Antworten zu wiederholen: Es gehe ihm nicht darum, Täter_innen zu entschuldigen oder Verbrechen kleinzureden. Ebenso folge aus einer gewalttätigen, lieblosen, chaotischen Kindheit zwar nicht automatisch, dass ein Opfer zum Täter wird, zum Schläger, Alkoholiker, Vergewaltiger, Terroristen – eine gewalttätige Kindheit sei aber ein wichtiger Faktor dafür.

 

Elternliebe ist nicht selbstverständlich

Um seine Thesen zu verdeutlichen, nennt der Psychohistoriker zahlreiche prominente Beispiele für brutale, verstörende Kindheiten, unter anderem die von Adolf Hitler, Anders Breivik und Beate Zschäpe. Oder Ulrike Meinhof, die einen Teil ihrer Kindheit in Heimen verbringen musste – Fuchs nimmt an, dass die Brutalität und Erniedrigung, die sie in dem Drehbuch für den Film Bambule beschrieb, auf eigenen Erfahrungen beruhte.

Die (kindlichen) Opfer verhärten, stumpfen ab, versteinern, verlieren jede Empathie. Später wird die Gewalt weitergegeben, nicht nur, aber auch an die eigenen Kinder: Prügel ebenso wie Missbrauch oder Genitalverstümmelung. Man wünscht sich, dass es anders wäre, dass diejenigen, die Schmerz und Leid erfahren haben, das ihren eigenen Kindern ersparen. Oft ist das aber gerade nicht der Fall: Je schlimmer es war, desto aussichtsloser scheint es zu sein, dass die Kette der Gewalt unterbrochen wird, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

 

Vergangenheit wird schön geredet

Allerdings sind Erhebungen zur Kindheit nicht unproblematisch, insbesondere wegen des beschränkten und unzuverlässigen Erinnerungsvermögens. So ist nun mal das, was in den ersten drei Jahren eines Lebens geschieht, zwar irgendwie gespeichert, kann aber nicht wie spätere Erfahrungen (mehr oder weniger) direkt abgerufen werden. Kinder spalten Erfahrungen ab und verdrängen sie, vor allem wenn sie sehr jung schwere Gewalt erleiden. Insbesondere aber sind Kinder auf ihre Eltern angewiesen, sind also verdammt dazu, sie zu lieben – kaum jemand kommt aus diesem Programm unseres Gehirns heraus.

Das aber führt zur »Identifikation mit dem Aggressor«, noch als Erwachsener redet man sich vieles schön: Die Eltern haben es doch nur gut gemeint, die Prügel haben das Kind auf den rechten Weg gebracht, selbst brutale Schläge oder andere Misshandlungen werden zu Zeichen der Liebe und der Zuwendung, weil sie sonst nicht zu ertragen sind. Die Frage ist also: Woran erinnert man sich und woran nicht? Wie zuverlässig sind die Rückblicke, und was redet man sich schön, ohne sich dessen bewusst zu sein?

Es gibt diese Schwierigkeiten, es gibt aber auch Erfahrungen und Studien, mit denen man arbeiten kann – der Stoff, den Fuchs mit ihrer Hilfe aufbereitet, ist selbst beim Lesen kaum zu ertragen. Prügel waren und sind nur eines der Mittel, mit denen Eltern ihre Kinder disziplinieren, quälen oder klein machen wollen. Heiße Bügeleisen werden auf Arme gedrückt oder Zigaretten, Säuglinge werden geschüttelt oder mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, Kinder auch schon mal angezündet. Sie werden misshandelt, vergewaltigt, zwangsverheiratet, verkauft, oder sie werden zu Kindersoldaten gemacht. Sie sind auf der Flucht, stecken in Lagern fest, Kinder von Kriegsopfern ebenso wie Kinder von IS-Tätern – und es gibt erschreckend wenig Mitgefühl für die, die noch keine Möglichkeit haben, sich zu wehren und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, die in Armut, Bildungsferne, Krieg oder Drogenwelten gefangen sind.

 

Kindheit braucht sehr viel mehr Reflexion

Vieles von dem, worüber Fuchs schreibt, ist nicht neu. Zudem wäre seinem Buch ein strenges, straffendes Lektorat zu wünschen gewesen. Das Besondere an dem Buch ist aber, dass Fuchs vieles zusammenführt, was man heute über Kindheiten weiß – und vor allem, dass er nicht müde wird, darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Kindheit zu befassen, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu verbessern.

Das geschieht aber nur sehr bedingt. Zwar verfügt der Mensch über die äußerst komplexen Fähigkeiten, Computer zum Mars zu schicken, es gelingt ihm aber allzu oft nicht, dem (eigenen) Nachwuchs statt der Hölle auf Erden eine gute Kindheit zu schaffen. Ein Führerschein für werdende Eltern bleibt sicherlich Utopie; und Kriege, Armut sowie Flüchtlingslager werden weiterhin das Schicksal vieler Kinder sein. Bessere Rahmenbedingungen müssten aber in Deutschland möglich sein: gut ausgebildete und gut bezahlte Erzieher_innen, eine ausreichende Anzahl engagierter Lehrer_innen, Förderung für Kinder, die aus belasteten Familien kommen oder keine Eltern haben. Mehr Unterstützung für Alleinerziehende. Und vor allem: ein (differenzierteres) Nachdenken und Debattieren über Kindheit.

Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen. Januar 2019, Mattes Verlag Heidelberg, 406 Seiten, 18,90 Euro

 

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