Steinzeit-Typen

Es wird fleißig gezählt: Wie viele Bücher von Autorinnen werden verlegt und rezensiert? Das ist ein wichtiges Branchenthema – als Buchthema wäre aber wichtig, was nach Jahrtausenden Männergewalt in den Köpfen hängengeblieben ist.

Mit dem #frauenzählen ging es los – eine sehr gelungene Aktion: Einfach mal zählen, wie viele Bücher von Autorinnen in welchen Genres rezensiert werden. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Krimis, jedenfalls zahlenmäßig, eine Männerdomäne geblieben waren – interessante Einsichten in einer Branche, in der schon lange überwiegend Frauen aktiv sind.

Jetzt ist das #vorschauenzählen dazugekommen. Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Birgit Glanz sowie die Bloggerin Nicole Seifert haben die Programme von Verlagen durchgezählt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Frauen zwar in der leichten Unterhaltung gut vertreten sind. Je anspruchsvoller aber die Programme sind, desto weniger Autorinnen sind zu finden: Bei Hanser, S. Fischer, Diogenes oder Rowohlt liegt der Autorinnenanteil zwischen 20 und 30 Prozent.

 

Brav gegen die Quote

Natürlich gibt es die üblichen Argumente gegen solche Aktionen, und es ist wieder Mara Delius, Leiterin der »Literarischen Welt«, die sich hier positioniert. Eine Frau also, die sich brav gegen die Quote als nicht-literarisches Kriterium stellt: Gehe es doch um Kunst und nicht um Gendergerechtigkeit. Es scheint nicht leicht zu vermitteln sein, dass es darum gerade auch den Zählenden geht – um die Frage, ob es de facto eine Männerquote gibt oder warum sonst Autorinnen unterrepräsentiert sind.

Solche Debatten sind wichtig, weil sie Spuren in der Buchbranche hinterlassen und etwas verändern. Zudem sind sie spannend, weil sie zeigen, wie weit der Feminismus gekommen ist: Wenn man sich daran erinnert, wie noch in den 1970er und 1980er Jahren über Gleichberechtigung gestritten wurde, oder wenn man sich Originaltöne von Schweizern noch aus dem Jahr 1990 anhört, dass Frauen in die Küche gehören und nicht an die Wahlurne, wird umso deutlicher, wie viel sich verändert hat. Heute dagegen kann frau sich um die Zahl von Autorinnen in den Vorschauen kümmern, weil zwar noch längst nicht alles, aber doch schon vieles erledigt ist – weil Gleichberechtigung zumindest in großen Teilen alltäglich geworden ist.

 

Kernelement der #MeToo-Debatte

Dennoch sollte man nicht vergessen, dass es in vielen Ländern anders aussieht, sei es in Saudi-Arabien, in Afghanistan oder in Indien mit seiner ausgeprägten Vergewaltigungs-Unkultur. Und auch in Deutschland ist längst nicht alles rosig.

Wenn es heute noch eine Frauenbewegung gäbe, müsste sie in den Fokus nehmen, was nach tausenden Jahren Kulturgeschichte in den Köpfen verankert ist: Tausende Jahre, in denen Frauen rechtlos, unterdrückt, ausgeliefert waren – eine der zentralen Botschaften der #MeToo-Debatte lautet dann ja auch, dass sich das offensichtlich nicht in kurzer Zeit abstreifen lässt. Zwar bewährt sich inzwischen das Grundgesetz mit seiner Forderung nach Gleichberechtigung und Menschenwürde für Frauen, die aus eher gewaltfreien Familien kommen und eine gute (Aus-) Bildung haben. #MeToo hat aber einen Eindruck davon vermittelt, wie viele Frauen immer noch von Übergriffen betroffen sind.

In der Regel findet sexualisierte Gewalt im Verborgenen statt, in einem Bereich aber ist sie offensichtlich und wird doch kaum wahrgenommen: im Bereich der Prostitution. Das wird nur selten diskutiert, geht es doch um Randgruppen, für die sich kaum jemand interessiert. Zudem will niemand verklemmt und rückständig erscheinen und den endlich befreiten Sex nun doch wieder reglementieren. So bleibt es dabei, dass Deutschland als Bordell Europas auftritt, auch wenn immer wieder über Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel berichtet wird – und darüber, dass man schon sehr viel weglassen muss, um auf die Idee zu kommen, dass Prostitution ein Job wie jeder andere ist, selbst wenn Frauen nicht zur so genannten Sexarbeit gezwungen werden.

Zum Beispiel ein ZDF-Bericht:
Deutschland ist zum Bordell Europas und laut Experten zur Drehscheibe für Zwangsprostitution und Menschenhandel geworden. Zwischen 80 und 90 Prozent der Prostituierten kommen aus dem Ausland, die wenigsten arbeiten freiwillig, viele werden gezwungen. https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 

Ungebremste Männergewalt

Wenn man #MeToo ernst nimmt, ist klar, dass es hier zum einen um Menschenrechte von marginalisierten Frauen geht. Zum anderen um Rollenbilder, die sich in der Welt der Prostitution noch ungeschminkt zeigen dürfen, während sie sonst eher nicht mehr offen geäußert werden.

Prostitution ist ein Geschäftsfeld, in dem Männer viel Geld umsetzen, indem sie Frauen misshandeln und erniedrigen – eben weil es sehr viele Freier sind, ist das Geschäftsfeld so lukrativ. Das heißt aber eben auch, dass sehr viele Männer nach wie vor meinen, mit Frauen tun zu können, was sie wollen, ob sie als Zuhälter unterwegs sind oder als Kunden.

Das ist der Punkt, um den es feministischen Autorinnen gehen müsste: Um die seit Jahrtausenden verankerten Vorstellungen von der (sexuellen, gewalttätigen) Übermacht des Mannes und von der Verfügbarkeit der Frau. Die Überzeugung von der Verfügbarkeit von Kindern, mit denen man tun kann, was man will, gehört ebenfalls dazu – dass diese Haltung weit verbreitet ist, zeigen nicht zuletzt Pädophilen-Netzwerke, die ab und zu aufgedeckt werden.

Warum spielt sexualisierte Gewalt eine so große Rolle? Welche Bedeutung, welche Konsequenzen hat sie für betroffene Frauen und Kinder und für die Gesellschaft? Wenn Autorinnen sich dieses Themenfeldes annehmen, bleibt zu hoffen, dass ihre Bücher beim nächsten Vorschauenzählen prominent in den Verlagsprogrammen vertreten sein werden.

 

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