Die Muse schlägt zurück

Ein Buchskandal in Frankreich schlägt Wellen bis nach Deutschland, und das ist gut so: Eine wichtige Debatte darüber, dass Grenzen beim Sex nicht spießig, sondern sinnvoll sein können.

Mit 14 hatte sie eine Beziehung zu einem 50-Jährigen: Davon erzählt Vanessa Springora jetzt, rund 30 Jahre später, in ihrem Buch Le Consentement (Die Einwilligung). Dabei geht es nicht um irgendeinen älteren Mann, sondern um Gabriel Matzneff: ein Star-Intellektueller, der sich offen zum Sex mit Minderjährigen bekannte und dafür viel Applaus bekam.

In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk über die Debatte, die Springoras Buch in Frankreich ausgelöst hat, erinnert die Verlegerin Gila Lustiger daran, dass Matzneff 1974 in dem Essay Les moins de seize ans (Die Unter-16-Jährigen) seinen sexuellen Appetit auf Minderjährige bekundet habe – und »dieser Essay wurde gefeiert.« 1977 habe der Schriftsteller dann die Aufhebung des Verbots der Pädophilie in einem Aufruf in der Zeitung Le Monde gefordert. Für seine Kampagne habe er prominente Unterstützung gefunden, unter anderem von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

 

Die andere Deutung des anderen Geschlechts

Interessant an Vanessa Springoras Fall ist, dass er immer öffentlich war. Es geht nicht um Enthüllungen, Matzneff schrieb vielmehr offen über seine Muse V., ebenso über die anderen Kinder und Jugendlichen, die er in sein Bett geholt hatte. Er stilisierte sich als Freigeist, als einen, der sich im Nachklang von ´68 für eine befreite, enthemmte Sexualität engagierte. Es geht auch nicht um Vergewaltigung: Springora spricht von einvernehmlichem, freiwilligem Sex. Dennoch: Das Besondere ist hier, dass sie dem, was zwischen ihr und ihrem »Liebhaber« geschah, eine andere Bedeutung gibt, dass sie es anders interpretiert.

Der Erfolg ihres Buchs in Frankreich, die Empörung über Matzneff habe allerdings mit den Gelb-Westen-Protesten zu tun, sagt Lustiger dem Deutschlandfunk: Viele Franzosen hätten genug von der Arroganz der Eliten. Dennoch: Es ist sehr viel mehr – es ist ein wichtiger Faktor, dass immer mehr Frauen öffentlich darüber sprechen, dass sie sexuelle Erfahrungen längst nicht so befreiend und positiv erlebt haben, wie Männer das nahelegen, auch wenn Matzneff wie viele andere das nicht wahrhaben will.

 

Macht-Missbrauch statt Beziehung

Ja, sie wollte die Aufmerksamkeit des sehr viel älteren Mannes, gibt Springora zu. Sie wollte beachtet werden, war fasziniert von seinem Renommee als Schriftsteller, von seinem intellektuellen Umfeld. Aber sie spricht auch darüber, wie sehr der Sex mit ihm sie jahrelang schwer belastet habe. Es war keine Beziehung auf Augenhöhe, wie sie es sich gewünscht und wie er es dem Teenager suggeriert hatte. Es ging vielmehr um Macht, um Manipulation, sie war einfach nur ein Sexspielzeug für den sehr viel Älteren.

Dass die Staatsanwaltschaft jetzt gegen den inzwischen 83-jährigen Matzneff ermittelt, kommt etwas spät, ist aber ein wichtiges Zeichen: Ja, es kann – aus guten Gründen – juristische Folgen haben, wenn man mit Minderjährigen ins Bett oder sonst wohin geht. Man kann damit auch nicht mehr Renommee und Geld verdienen. Der Verlag Gallimard jedenfalls hat die Veröffentlichung der Tagebücher von Matzneff eingestellt.

 

Jugendliche als leichte Beute

Das Besondere an Springoras Buch ist, dass sie sich mit ihm dem Kern des so genannten Missbrauchs nähert: Es geht weniger um Sex als um Macht, um – mehr oder weniger subtile – Entwürdigung, um Manipulation. Darum, dass eine Jugendliche Nähe, Zuwendung, Aufmerksamkeit suchte, aber für die Bedürfnisse eines Älteren benutzt und ausgebeutet wurde. Dass gerade Linke sich mit dieser Sichtweise schwer tun, ist schon seltsam.

Nachdem lange die Bedürfnisse und das Ego von Matzneff im Fokus waren, geht es jetzt um das Mädchen, das Springora einmal war. Es geht um die Konsequenzen dafür, dass sie sich auf ihn eingelassen hatte. Darum, dass das Wort »einvernehmlich« ein großes Bedeutungsspektrum hat – und dass es gute Gründe gibt, die Freiwilligkeit in der »Beziehung« zwischen einer 14-Jährigen und einem 50-Jährigen zu hinterfragen.

In der Debatte wird zudem deutlich, dass Matzneff kein singuläres sexbesessenes Monster war, das sich heimlich seine junge Beute griff. Er tat das vielmehr öffentlich, es gab einen gesellschaftlichen Konsens – und auch um diesen Konsens muss es gehen. Ebenso um die fragile Psyche von Jugendlichen. Darum, dass Sex nicht gleich Sex ist. Dass »einvernehmlich« Unterschiedliches bedeuten kann. Dass Jugendliche Schutz brauchen.

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/angriff-auf-die-eliten-in-frankreich-was-der-paedophilie.1270.de.html?dram:article_id=468129

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.