Spinnen-Gift

Krimi mit subversivem Ermittler und bitterem Beigeschmack: Kommissar Adamsberg bleibt wunderbar versponnen, Wesentliches ist aber nur Kulisse.

Fred Vargas beginnt mit einer sehr schönen Szene – schön jedenfalls für ältere Semester wie mich: Die französische Bestsellerautorin, die klugerweise ein männliches Pseudonym gewählt hat für das männlich dominierte Krimigenre, lässt Adamsbergs Handy auf einer Schafswiese in den Dreck fallen, weit weg auf einer isländischen Insel. Das Schaf tritt nach, und der Kommissar aus Paris lässt das Telefon einfach liegen. Es ist klar, wen Vargas im Visier hat: Geschrieben ist das für Leser_innen, die noch nicht mit ihren Smartphones verschmolzen sind.

So entschleunigt und idyllisch bleibt es allerdings nicht, denn der Kommissar ist für seine Mitarbeiter über das Telefon der Kneipe auf Grímsey erreichbar. In Paris wartet ein Mord, und ohne den Chef geht es eben nicht. Er fliegt zurück und löst auch diesen Fall auf seine Art: unsystematisch und mit dem intuitiven Wissen darum, wie Menschen ticken.

 

Eigensinniger Ermittler

Vargas nutzt den simpel gestrickten Mord als Einstieg in einen anderen Fall, der Adamsberg nichts angeht: Im Süden Frankreichs, weit weg von seinem Pariser Arbeitsort, sterben mehrere Männer am Biss von Einsiedlerspinnen – obwohl die Giftmenge eines Tiers eigentlich nicht tödlich ist. Adamsberg forscht nach, kommt auf ein Kinderheim in den vierziger, fünfziger Jahren, auf eine Jungenbande, die Freude daran hatte, andere zu quälen, und versucht herauszufinden, wer sich noch nach Jahrzehnten an ihnen rächt.

Die Art, wie er ermittelt, ist das, was Vargas‘ Krimireihe besonders macht. Adamsberg ist ein leiser Typ, der konzentriert gräbt – die Autorin hat ihm einiges von ihrem ersten Beruf mitgegeben: der Archäologie. Schicht um Schicht trägt er alles ab, was das Verbrechen bedeckt, lebt in seiner eigenen Zeit, entzieht sich dem stromlinienförmigen Funktionierenmüssen, gibt seinen Gedanken Raum, gesteht sich zu, dass ein Gehirn nicht wie ein Computer arbeitet.Vielmehr überlagern sich Erfahrungs- und Erinnerungsebenen, manches ist tief vergraben, will nicht gefunden werden und drängt doch nach oben.

 

Oberflächlich erzählt

Vargas verzichtet auf blutige, grausame Knalleffekte, und die Geschichte, die hinter den tödlichen Spinnenbissen steckt, ist clever gewoben. Aber wie auch in schlichten Krimi-»Schlachtplatten« spielen Grausamkeit und Leid eine wichtige und zugleich nur marginale Rolle: Sie sind einfach nur der Motor für Spannung und Unterhaltung.

Vargas spricht zwar immer wieder an, wie furchtbar ist, was die Opfer durchleiden mussten, wie grausam die Täter waren. Blapse, widerliche Stinkkäfer heißen sie in diesem Krimi, in dem es wieder einmal um sexuelle Gewalt an Kindern geht, auch noch durch den eigenen Vater, um Folter, um Traumata. Themen, die bei Krimi-Autoren hoch im Kurs stehen, denen sich viele aber unbelastet von allzu viel Wissen nähern – und auch bei Vargas sind Grausamkeit und Leid nur der Hintergrund, auf dem sich Adamsbergs eigenwillige Art des Ermittelns entfalten kann. Für einen guten Kriminalroman ist das zu wenig.

Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin. Übersetzt von Waltraud Schwarze. Oktober 2018, Limes, 512 Seiten, 23 Euro

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