Einspruch

Radiomoderatoren sind empört über die Verbrechen, Eltern betroffen: Heute weiß man Bescheid über sexualisierte Gewalt gegen Kinder – zugleich aber auch nicht. Sophie Atlan schreibt darüber.

Neulich Lügde und Bergisch Gladbach, jetzt Münster: Die Polizei ist Netzwerken von Tätern auf der Spur, die Kinder zerbrechen. Die Videos, die es von ihren Verbrechen gibt, sind für die Kinder eine Katastrophe, für die Polizist*innen enorm belastend. Aber sie haben einen Vorteil: Leugnen können die Täter nicht.

In Münster war der vermutliche Haupttäter vorbestraft, er hat Therapien hinter sein – seinem Stiefsohn hat das leider nichts genützt. Immerhin ist er jetzt in der Obhut des Jugendamtes. Das ist vermutlich gut für den Jungen, vermutlich zugleich aber auch sehr schwierig. Und er muss damit klar kommen, dass seine Mutter ihn nicht beschützt hat und seine Großmutter nicht nur Bescheid wusste, sondern für die Vergewaltigungen auch noch ihre Gartenlaube zur Verfügung stellte.

 

Stigma sexualisierte Gewalt

Lange hat man Betroffenen eher nicht geglaubt, erst in den letzten Jahren hat sich viel geändert. Mittlerweile finden Opfer aber Gehör, zumindest manchmal, gibt es sogar Empörung und Anteilnahme – und die Floskel wird weitergereicht, dass solche Erfahrungen Kinder für den Rest ihres Lebens begleiten, vermutlich gravierend beschädigen. Das ist tatsächlich so. Was das aber konkret bedeutet, will man dann doch eher nicht wissen. Sexualisierte Gewalt bleibt ein Stigma, führt oft in Isolation und Einsamkeit.

Sophie Atlan schreibt darüber, hier ist ihr Einspruch:

Der Wohnwagen in Lügde
Pädophilennetzwerke
furchtbar, sagen Kommentatoren
unvorstellbar
empörend
Opfer werden das nie wieder los
heute
weiß man Bescheid

Vor einigen Jahren
wollte das niemand wissen
Missbrauch
ein schiefes Wort
sexualisierte Gewalt
lieber nicht darüber reden

Heute
kann man den Tatbestand nicht mehr leugnen
Männer, die Kinder malträtieren
Mütter, die nichts sehen und nichts sagen
es gibt sie
Täter halten ihre Handys hin
man kennt die Bilder
Väter zeigen ihre Heldentaten im Netz
teilen ihren Triumph
über ein Kind

Heute
weiß man
dass die Opfer das nie wieder los werden
und hat doch nur wenig Ahnung
was es bedeutet
dass Splitter durch den Kopf geistern
ein Leben blockieren
es boykottieren
dass man immer noch festhängt in einer Kindheit
die nicht hätte sein dürfen
die seit Jahrzehnten vorbei ist

 

 

Kommentare

    • Sabine Schmidt

      das freut mich sehr! Du brauchst nur ans Ende eines Beitrags gehen – dort kann man anklicken, dass man über neue Krimisophie-Beiträge automatisch informiert werden möchte.

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