Geiseln auf St. Pauli

Knappe Sprache, cooler Sound, unangepasstes Personal: »Hotel Cartagena« setzt sich deutlich vom Krimi-Durchschnitt ab. Dennoch ist es der achte Band einer Reihe, manches hat sich inzwischen abgenutzt.

Simone Buchholz ist sich dessen bewusst und endet dann auch damit, dass die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley ihre Freunde und Kollegen hinter sich lässt. Noch aber sind sie zusammen – und wie immer weit weg von Krimi-Ermittlern, die eingekuschelt in ihre Region auf Gartenzwerg-Format reduziert sind oder auf Teufel komm raus zwar irgendwie beschädigt sein sollen, aber doch tolle Kerle, taffe Mädels und am Ende natürlich aufrechte Streiter für das Gute.

Das sind Buchholz‘ Helden zwar ebenfalls. Mit ihnen atmet man aber mehr Freiheit, weniger Betulichkeit, keinen Heimatmief – mit einer Staatsanwältin, die zu viel trinkt, zu viele Männer hat, deren Lieben, deren Leben unordentlich ist, unübersichtlich. Für ihre Art des Erzählens, für das Unkonventionelle, für das, was sich nicht einfinden will, wurde Buchholz schon oft ausgezeichnet. Zuletzt 2019 mit dem Deutschen Krimi Preis für Mexikoring.

 

Aufbruch aus dem Vertrauten

Ihrem Sound und ihren Mustern bleibt sie in Hotel Cartagena treu. Es ist ein Thriller mit zwei Handlungssträngen, die parallel erzählt werden: Zum einen im Zeitraffer die Geschichte eines Hamburgers, der in den 1980igern in Kolumbien ein neues Leben finden will, irgendwie in Drogengeschäfte schliddert und dann immer weiter macht; zum anderen eine Geiselnahme in einer Hotelbar auf St. Pauli – Riley und ihre Freunde sind mittendrin, weil sie einen Geburtstag dort feiern.

Bei der Geiselnahme geht es um Rache, und am Ende scheint etwas wie Gerechtigkeit auf, soviel Trost gönnt Buchholz ihren Figuren. Und natürlich: Der Freundeskreis um Riley zerbricht trotz mancher Zumutung nicht, bietet Halt in einem haltlosen Leben, immer noch geht man füreinander durchs Feuer, weiß, was man aneinander hat, respektiert die anderen – das ist dann doch sehr nahe am Schönen und Guten.

Am Ende bricht Riley dann auf – der Cliffhanger ist bestens gesetzt: Man will wissen, was im nächsten Band geschieht, was sie in Glasgow auf den Spuren eines Vorfahren will, der von dort nach Amerika aufbrach. Aber es bleibt dabei: Das Besondere an den Bänden um Riley scheint sich abgenutzt zu haben, die Sprache löst sich am Ende nahezu auf, als Riley starkes Fieber bekommt. Schade: Der Thriller ist immer noch besonders, aber nicht so gut wie erhofft.

Simone Buchholz: Hotel Cartagena. 29. September 2019, Suhrkamp, 228 Seiten, 15,95 Euro

 

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