Ghetto-Kids

Sensibel, zugleich mit allen Wassern gewaschen und mit dem Darknet vertraut – Privatdetektiv Nizar Benali weiß, wie Drogenhandel geht, wollte dieser Welt aber eigentlich nur entkommen. Ein etwas anderer Kriminalroman.

Mit diesem Buch bewegt sich der Kölner Autor Selim Özdogan weit weg von den Krimis, die aktuell die Bestsellerlisten dominieren: eher schlichte Urlaubs-, Wohlfühl- und andere Serientitel oder blutgetränkte Stand-alones wie Sebastian Fitzeks Das Geschenk, der Bestseller, der damit beginnt, dass ein nackter Körper in zwei Hälften zerteilt wird. Der die Träume hört überzeugt dagegen mit leisen Tönen und Nachdenklichkeit.

Erzählt wird diese Geschichte aus der Perspektive Nizar Benalis. Zuletzt lebte der Einzelgänger von einem Kiosk, den er aber verkauft hat, weil er seine Kunden nicht mehr ertragen konnte. Jetzt schlägt er sich als Privatdetektiv durch und soll einen Dealer aufspüren, durch dessen Drogen ein Jugendlicher zu Tode kam.

 

Der (Drogen-) Traum von einem besseren Leben

Nizar erhält den Auftrag, weil er sich mit Cyberkriminalität auskennt und dem Dealer im Darknet folgen kann. Zudem ist er mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Er hat einen 17-jährigen Sohn, von dem er bisher nichts wusste, ein Junge, der selbst Dealer werden will, aber erst einmal gescheitert ist und in Schwierigkeiten steckt, weil er 20.000 Euro Schulden bei einem Gangster hat.

Auf sich gestellt, ohne die Mittel der Polizei, versucht Nizar, den Auftraggeber zufriedenzustellen, dessen Sohn gestorben ist, um mit dem Honorar seinem eigenen Sohn helfen zu können – und reflektiert dabei sein Leben: die Kindheit in Westmarkt, einem fiktiven Ort irgendwo zwischen Rhein und Ruhr, die Diskriminierung der »Schwarzköpfe«, Migranten, die in Deutschland ein besseres Leben suchten und sich dabei verloren, ihre Kinder, die Kriminalität und Drogen als Ausweg aus ihrem verhassten Umfeld sehen.

 

Der Versuch, der Kindheit zu entkommen

Nizars Nachdenken über Kindheit und Herkunft, das Verweben dieser Reflexionen mit der Suche nach dem Dealer ist das Besondere dieses Kriminalromans. Dazu die Erinnerungen an seine Träume von einem anderen Leben, der Glaube der Kids, dass man als Dealer cool ist, Rap und Hip-Hop als Wege, sich in eine andere Welt zu beamen – und dann Drogen als Steigerung.

Diese Geschichte ist längst nicht Selim Özdogans erstes Buch. Sein Debüt erschien bereits 1995, gilt als Kultbuch und hat einen besonders schönen Titel: Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist. Der die Träume hört ist sein erster Krimi – und sehr berührend, wenn er erzählt, wie schwierig es für Nizar ist, der (Ghetto-) Kindheit zu entkommen und zugleich mit ihr leben zu müssen, weil der Kindheit nun mal niemand entkommt; eine Zukunft zu suchen, die einem nicht in die Wiege gelegt wurde.

Selim Özdogan: Der die Träume hört. September 2019, Edition Nautilus, 287 Seiten, 18 Euro

 

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