Schwarz-Weiß-Bilder

Bluebird ist der Titel eines Songs von John Lee Hooker. Zudem der Titel eines bemerkenswerten Krimis, der in einem winzigen Dorf in Ost-Texas verortet ist und sich mit Rassismus auseinandersetzt.

Eine Frau sollte auf keinen Fall Präsident der Vereinigten Staaten werden, dann doch lieber ein Schwarzer – und schließlich hofften viele, dass Barack Obama für ein anderes Amerika steht. Aber nach seinen beiden Amtszeiten erschienen die USA nicht als ein anderes Land, sondern zeigten sich als das, was sie sind: rassistisch, geprägt von den Ängsten und Wünschen weißer Männer, die sich einen Dreck um die Bedürfnisse anderer scheren und für die Wahrheit nur eine Rolle spielt, wenn sie ihnen in den Kram passt.

So sieht Attica Locke ihr Land – und aus dieser bitteren Erkenntnis hat sie (schon bevor Donald Trump Präsident wurde) Bluebird, Bluebird geschrieben: einen Krimi, mit dem sie 2018 den renommierten Edgar Allan Poe Award für den besten Kriminalroman des Jahres gewann. Die melancholische, aber auch dezent kämpferische Atmosphäre ihres Buchs hat man gleich im Kopf, wenn man John Lee Hookers Bluebird hört: https://www.youtube.com/watch?v=4QMg-DhVglA

 

Rassistisch motivierte Morde?

Die schwarze, 45-jährige Schriftstellerin und Drehbuchautorin lebt heute in Los Angeles, stammt aber aus Ost-Texas, und dort hat sie ihren Krimi auch verortet: in einem Kaff mit noch nicht einmal 200 Einwohnern, aber zwei Kneipen. Die eine ist ein Ort für Schwarze. In der anderen treffen sich Weiße, mehr noch: die Mitglieder der Arischen Bruderschaft, und der Ku-Klux-Klan ist immer präsent.

Morde hat es schon vorher in dieser Gemeinschaft gegeben, die in einer unlösbaren Melange aus Liebe und Hass verbunden scheint. Mit zwei Todesfällen ändert sich jetzt aber einiges: Erst wird ein schwarzer Anwalt, ein Fremder, aus einem Fluss gefischt – für seinen Tod interessiert sich niemand; zwei Tage später taucht die Leiche einer jungen Weißen auf, eine Einheimische – ihr Tod sorgt für deutlich mehr Unruhe.

Ein schwarzer Texas-Ranger will das nicht so laufenlassen, will herausfinden, was wirklich geschehen ist, will wissen, ob es hier um ein Hassverbrechen geht. Seine Mission ist, dass Verbrechen an Schwarzen nicht unaufgeklärt bleiben. Und er will verhindern, dass, geradezu reflexhaft, Schwarze verdächtigt werden, wenn Weißen etwas zustößt, und unschuldig hinter Gittern landen.

 

Was heißt es, schwarz zu sein?

Es sind klare Botschaften, die Locke vermitteln will. Ihr Buch ist dennoch mehr als eine Reportage oder ein Plädoyer für Gerechtigkeit. Zwar bleibt die Auflösung des Rätsels am Ende an der Oberfläche. Davor aber erzählt die Autorin eine fesselnde Geschichte darüber, was es auch heute noch heißt, in den USA schwarz zu sein: permanent auf der Hut sein zu müssen, immer zu überlegen, wie man prekäre Situationen vermeiden kann; schlimmer noch, verhaftet oder bei einer Verkehrskontrolle abgeknallt zu werden. Und vor allem: Was es heißt, vom ersten Atemzug an damit konfrontiert zu sein, als Mensch bestenfalls zweiter Klasse zu gelten.

Attica Locke: Bluebird, Bluebird. Übersetzt von Susanne Mende. Februar 2019, 280 Seiten, 20 Euro/CHF 26

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.