Liebe und Tod

Ted Hughes wurde verantwortlich gemacht für den Selbstmord von Sylvia Plath. Connie Palmen sieht das anders und rollt die Geschichte des Dichter-Paares noch einmal auf.

Sylvia Plath wollte schreiben – aber ihre Psyche war fragil, und sie musste sich um die beiden kleinen Kinder kümmern und den Haushalt. Ted Hughes hatte eine andere, war nur mit sich beschäftigt, mit seinem Schreiben, seiner Karriere. Er war schuld, dass seine 30-jährige Frau im Februar 1963 die Küche abdichtete und den Kopf in den Gasofen steckte – so sahen es seine zahlreichen Kritiker und vor allem Kritikerinnen.

Die Ansicht von seiner Schuld oder zumindest Mitschuld äußerten Anhängerinnen von Sylvia Plath, die über die Mehrfachbelastungen von Dichterinnen klagten, über Machos und den männlich dominierten Literaturbetrieb. Für ihre Klagen gab es gute Gründe. Mit ihnen ist aber nicht die Frage nach der Schuld an Plaths Suizid beantwortet. Sie stellt Palmen in „Du sagst es“ erneut, ihre Antwort ist eindeutig und leidenschaftlich: Schuldig war Hughes nicht. Zudem hatten Freunde und Kritiker kein Recht, betont sie, das Leben des Paars in die Öffentlichkeit zu zerren.

„Lady Lazarus“

Sylvia Plath starb 1963, ihr Mann 1998. Für ihren Roman hat Palmen auf Tagebücher, Briefe und Biographien zurückgegriffen, die einem der berühmtesten Dichter-Paare des 20. Jahrhunderts gewidmet sind. Sie schreibt aus der Sicht von Hughes: Er ist der Ich-Erzähler ihres Romans, der die Wirklichkeit sucht und doch natürlich Fiktion ist.

Seine Frau erscheint in ihm nicht nur als die hochbegabte Lichtgestalt, die am Leben und an den Zeitumständen zerbrach, sondern auch als ambitionierte Zicke, berechnend, verlogen, unter einem wahnsinnigen Erfolgsdruck stehend, belastet von einer übermächtigen Mutter, todessüchtig seit dem frühen Verlust des Vaters, gezeichnet von der Elektroschockbehandlung nach ihrem ersten Selbstmordversuch zehn Jahre vor dem endgültigen. Hughes liebt seine „Lady Lazarus“, so sieht es Palmen, ist aber überfordert von seiner psychisch kranken Frau und hat seine eigenen Dämonen nicht im Blick.

Geschichte eines Verrats?

Aus der sieben Jahre dauernden Geschichte des Paars hat die niederländische Autorin einen Roman gewoben, der tief eintaucht in ihre Amour fou, in die Träume und Hoffnungen der beiden jungen Dichter – des Briten und der US-Amerikanerin –, die Enttäuschungen, die Todessehnsucht, den Tod. Sie befasst sich mit kreativen Prozessen, mit dem Schreiben, mit Blockaden. Und sie fragt danach, warum Menschen zusammenkommen und sich wieder voneinander entfernen, wer schuld ist am Unglück des anderen, an seiner Verzweiflung. Verstrickung sieht Palmen, aber nicht Verrat, auf den sich der Titel mit seiner Anspielung auf das Neue Testament bezieht: „Da antwortete Judas, der ihn verriet und sprach: Bin ich’s Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.“

Verraten hat Ted Hughes Sylvia Plath nicht, auch nicht, als er sich einer anderen Frau und, so deutet es Palmen, sich selbst zuwandte, sich aus einer erstickenden Beziehung löste – und das Furchtbare ein zweites Mal erlebte: Fünf Jahre nach dem Tod von Sylvia Plath kopierte seine zweite Frau den Selbstmord der ersten. Sie steckte den Kopf in den Gasofen und nahm zudem die kleine Tochter mit in den Tod, die sie mit Hughes hatte.

Warum Palmen sich so intensiv, so leidenschaftlich mit diesem Stoff befasst hat, warum sie Ted Hughes unbedingt entschulden, ihn nach seinem Schweigen zu Wort kommen lassen wollte, das er selbst nur kurz vor seinem Tod mit dem Buch „Birthday Letters“ unterbrach, lässt Palmen offen. Es gibt kein Nachwort, in dem sie ihre Motive preisgibt. Sicherlich hat es etwas mit dem Tod ihrer beiden Männer zu tun, darüber hat die 61-Jährige in Interviews gesprochen. Inwiefern es autobiographische Bezüge gibt, ist aber nicht entscheidend: „Du sagst es“ ist ein fesselnder Roman, der zum Nachdenken anregt, über die Liebe, den Tod und das Schreiben.

Connie Palmen: Du sagst es. Übersetzt von Hanni Ehlers. August 2016, Diogenes, 279 Seiten, 22 Euro

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