Naives Trostpflaster

Die Welt wird besser – und bleibt so verstörend, irritierend, brutal, wie sie immer war. Sascha Lobo hält dagegen, will Erkenntnis stiften, Orientierung bieten und setzt auf die Jungen: Sie werden es schon richten.

Man kann es nicht belegen, dass Bücher die Welt besser machen, aber es spricht einiges dafür. Sascha Lobo jedenfalls, einer der ersten Digital Natives, die in der Öffentlichkeit Gehör fanden, ist von gedruckten Werken überzeugt, hat sogar die erste Auflage seines neuen Buchs handschriftlich signiert. Ein Buch, mit dem er Erkenntnis stiften, Orientierung bieten, für kommende Brüche und Veränderungen wappnen will.

Schon der Text auf dem Umschlag holt uns ab – in Großbuchstaben: »Haben Sie auch das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten?« Danach geht es kleiner weiter, aber liebevoll umarmend: »Damit sind Sie nicht allein. Die meisten Menschen sind heute überfordert.«

 

Gebrauchsanweisung für eine allzu komplexe Welt

Sascha Lobo nimmt uns an die Hand und erklärt die Welt. Patriarchale Übermacht, Gleichberechtigung und #metoo kommen als Themen zwar nicht vor: Der Autor will seiner Frau nicht in die Quere kommen, die darüber selbst ein Buch schreibt. Er widmet sich aber weiteren zehn großen Themen unserer Zeit, unter anderem Klimawandel, Migration, Rechtsruck, China und soziale Medien.

Man muss sich der Welt stellen, wie sie ist, meint Sascha Lobo, muss die Gegenwart und die Vergangenheit, nicht zuletzt die Kolonisierung, im Blick haben, soll den Klimawandel nicht leugnen, die Zeichen an der Wand wahrnehmen, die längst riesige Plakate sind. Und statt über böse Fremde zu schimpfen, sollte man sich damit befassen, wie Integration gelingen kann.

 

Ein bisschen an der Oberfläche gekratzt

Wer sich einen Überblick über die komplizierte Gegenwart verschaffen und weder machiavellistisch noch gleichgültig unterwegs sein will, ist bei Sascha Lobo richtig. Man findet hier genau das, was ein Buch mehr als das Internet kann: Es ist nicht tagesaktuell in Häppchen, sondern mit langem Atem geschrieben, lädt zum Innehalten, zur Reflexion ein, ist ein Versuch gegen den Wahnsinn, das Irrationale, das Inhumane.

Das aber ist zugleich die Schwäche des Buchs – Vernunft und Humanität sind nun mal nicht selbstverständlich, auch nicht mit gutem Zureden: Wer will schon Konsum und Mobilität einschränken oder auf Gewinne verzichten, die man mit dem Abholzen von Wäldern und der Produktion von Autos erwirtschaften kann? Oder: Welchen Sinn machen Überlegungen zur Humanität, wenn ein Telefonat von Donald Trump reicht, um US-amerikanische Truppen abzuziehen und tausende Kurden in die Flucht zu treiben?

 

Wegweisend – oder naiv?

Trump zeigt der Welt seit langem, dass er sich nicht für Humanität, Umweltschutz und Diplomatie interessiert, sondern nur für seine Anliegen. Dafür wird er von zahlreichen Anhängern gefeiert, vielleicht wird er sogar wiedergewählt werden. Das ist doch der eigentliche Schlag vor den Kopf, das aber kommt in Realitässchock nicht wirklich vor.

Trumps Agenda ist nur eine von vielen inhumanen, egoistischen, rücksichtslosen Agenden – und der Grund dafür, warum Sascha Lobos Buch naiv erscheint: Es legt nahe, dass man sich nur der Realität stellen muss und richtige Lehren aus der Gegenwart ziehen kann, dass die Jungen, die Fridays for Future-Demonstrant_innen es schon richten werden. Tatsächlich aber folgen die Trumps und Putins dieser Welt ihren eigenen Agenden, die Taliban, die iranische Regierung, der saudische Kronprinz, Unternehmer_innen und Konsument_innen. Dass die Jungen mehr als ein Silberstreifen am Horizont sind, muss sich erst noch zeigen, erscheint tatsächlich aber unwahrscheinlich.

Die wirklich entscheidende, uralte und letztlich nicht beantwortbare Frage steht in Realitätsschock im Raum und bleibt doch außen vor: Warum der Mensch unvernünftig bis durchgeknallt ist, überall auf der Welt Rattenfängern folgt, ob sie Trump, Putin oder Erdogan heißen. Und ebenso: Warum er konsumieren will ohne Ende, auch wenn die Ressourcen dieses Planeten dafür nicht ausreichen. Weil das nicht wirklich mitgedacht wird, ist Realitätsschock nicht viel mehr als ein Trostpflaster.

Sascha Lobo: Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart. September 2019, Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro

 

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