Sand im Getriebe

Eine Frau wird gesucht in der Mojave-Wüste, so scheint es. Tatsächlich aber hat Jonatham Lethem in diesem Roman vor allem Amerika unter Donald Trump im Visier.

Als erstes fällt der sarkastische Ton der Erzählerin auf: Phoebe ist nicht nur sprachgewandte Journalistin, sondern mit allen Wassern gewaschene New Yorkerin. Und doch sehr fragil, mehr noch: Sie hat den Boden unter den Füßen verloren, seit das Monster, seit das Trumpeltier die Präsidentschaftswahlen für sich entscheiden konnte.

Politik wird nur selten in diesem Roman angesprochen, und doch ist sie das, worum es geht: Sie stellt Phoebes Leben auf den Kopf, und das nur Angedeutete, das zwischen den Zeilen Geschriebene will Gedanken in Bewegung setzen, will dem Roman Tiefe und Komplexität geben. Nur gelingt das oft leider nicht, und es gibt noch mehr Defizite: Phoebes Umgang mit Sex etwa macht im Kontext des Romans wenig Sinn, erscheint nur als irritierende Männerfantasie.

 

Einfach verschwinden

Insgesamt wirkt sie ziemlich verpeilt, macht sich aber immerhin auf den Weg. Nach Trumps Wahlsieg kündigt Phoebe ihren hart erkämpften Job und gibt ihr New Yorker Leben auf, um die Teenagertochter einer Freundin zu suchen. Sie ist abgetaucht, so scheint es: Letzte (Kreditkarten-) Spuren führen von der Ost- an die Westküste. Vielleicht wollte die junge Frau ihrem Idol nahe sein, dem gerade verstorbenen Liedermacher Leonard Cohen, der sich gern in ein spirituelles Zentrum auf einem Berg zurückzog.

Erst geht es auf diesen Berg und dann in die Wüste, von der Hektik und dem Lärm New Yorks in kalifornische Einsamkeiten: Der Detektiv, den Phoebe für die Suche nach der Verschwundenen anheuert, führt sie in archaisch anmutende Aussteiger-Communitys – zu den Kaninchen, Frauen vor allem, die in der Wüste leben; und zu den Bären, Männer vor allem und ihre Groupies, die am Berg zu finden sind. Zwischen ihnen bewegt sich der wortkarge, charismatische Detektiv in seiner seltsamen roten Lederjacke, der verlorene Tiere und Menschen zu retten sucht, wenigstens für einen Moment; und Phoebe, die von ihm und seinen Geheimnissen fasziniert ist.

 

Raum zum Nachdenken

Die Obdachlosen, denen sie in Kalifornien begegnet, ebenso wie die Aussteiger und deren Kinder, die in der Wildnis aufwachsen (müssen), lebten ihr Leben schon vor Trumps Präsidentschaft. Jetzt aber sind sie Gegenbilder, wenn auch keine positiven Utopien – zwischen dem neuen politischen System und diesen anderen Gesellschaften öffnet Jonathan Lethem Raum für Fragen: Was ist Amerika für ein Land (geworden), welche Werte sind wichtig, welche sollten wichtig sein?

Diese Fragen sind nicht neu, haben mit Trump aber eine neue Schärfe, eine neue Dimension gewonnen, will uns der Autor sagen. Dabei ist das Buch geworden wie seine Titelfigur, Der wilde Detektiv: unkonventionell, aus dem Rahmen fallend, zwischen verschiedenen Genres changierend, irgendwo zwischen Thriller, Detektivgeschichte und Roman. Eine seltsame, ungereimte Geschichte, die Raum zum Nachdenken schafft. Dennoch muss sie viel Kritik einstecken, und das zu Recht: Sie ist nicht präzise genug, zu geschwätzig, versandet allzu oft. Schade: Der Roman hält nicht, was er am Anfang zu versprechen scheint.

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Januar 2019, Tropen, 335 Seiten, 22 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.