Abseits der Welt

Eine winzige norwegische Insel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Gezeiten, Sturm, Schnee, aber auch helle Sommertage. Das alles findet man einem Roman, der leise, unspektakulär und fesselnd aus der Zeit fällt.

Barrøy heißt die Insel, wie die Familie, die dort lebt, der alte Vater, sein Sohn mit Frau und Kind, die Schwester, die nicht ganz richtig im Kopf ist, so heißt das, die aber richtig anpacken kann, und ihr Sohn.

Roy Jacobsen reflektiert nicht, erzählt nur, was die Barrøys tun, wie sie leben, man spürt, wie schön es auf ihrer Insel ist und zugleich wie anstrengend, einfach nur zu überleben, Trinkwasser zu haben, genügend Fische zu fangen, ein Haus zu bauen, das den Stürmen standhält und der Winterkälte. Sie alle träumen davon, Barrøy zu verlassen – aber selbst wenn sie gehen, kommen sie wieder zurück.

Die Unsichtbaren ist anders als andere aktuelle Romane, nicht spektakulär, nicht launig, nicht gegenwartsbezogen. Der Autor scheint nicht die Leser_innen, sondern ausschließlich seine Charaktere im Kopf zu haben, den Rhythmus ihres Lebens, das Knüpfen der Netze, das Ausnehmen der Fische, Menschen, die auf sich gestellt sind, wortkarg, gebunden an ihre Insel, bitterarm, in gewisser Weise aber auch frei – und dieser aus der Zeit fallende Roman schaffte es auf die Shortlist des Man Booker Prize.

 

Strandgut des Zweiten Weltkriegs

Roy Jacobsen teilt seinen Roman in drei Teile und hat in ihnen vor allem Ingrid im Blick, die Enkelin des alten Barrøy: ihre Kindheit, das tägliche Überleben. Dann der Zweite Weltkrieg, Ingrid ist allein auf Barrøy, bis ein russischer Kriegsgefangener es auf ihre Insel schafft, Alexander, der die Explosion eines Gefangenenschiffs schwer verletzt überlebt hat; er ist Ingrids Rettung in der Einsamkeit, sie schickt ihn dennoch auf den gefährlichen Weg in die Sowjetunion zurück, weil sie befürchtet, dass die Deutschen ihn auf Barrøy finden könnten. Im dritten Teil macht sich Ingrid auf, gemeinsam mit ihrer und Alexanders Tochter, die erst ein paar Monate alt ist, und folgt seinen Spuren, will wissen, ob er überlebt hat. Hunderte Kilometer ist sie unterwegs mit ihrem Kind und ihrer Sehnsucht – in einem Land, das den Krieg, die Verluste, die Schuld der Kollaboration vergessen will.

 

Die Gezeiten des Lebens

Roy Jacobsen lässt seine Leser_innen eintauchen in ein armes Norwegen, das es nicht mehr gibt, seit das Land mit dem Öl reich geworden ist – heute werden die Inseln fast nur noch für Sommerhäuser und den Tourismus genutzt. Aber auch das reflektiert Jacobsen nicht, er erzählt nur, lässt die Leser_innen selbst nachdenken: über das Leben, das passiert, Tod, Liebe, Sehnsucht, das Weitermachen, auch wenn es nicht auszuhalten ist, Einsamkeit, den Sinn des ewigen Kommens und Gehens. Es sind die uralten Fragen, verwoben in eine besondere Geschichte, leise und fesselnd erzählt.

Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren. Übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. Juli 2019, C.H. Beck, 613 Seiten, 28 Euro

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.