Rauchzeichen

Als einer der aktuellen Literatur-Stars durfte – musste? – Ferdinand von Schirach sich in Thomas Gottschalks neuer Bücher-Show zeigen. Lesenswert ist der neue Band dennoch.

Auch in Kaffee und Zigaretten bevorzugt der Autor die kleine Form. Wieder sind es nicht nur kurze, vielmehr auch leise Texte mit schönen, klugen Sätzen – von denen mancher ins Poesiealbum passt. »Libellen können zaubern, sagt sein Vater, aber es sind so winzige Wunder, dass sie für die Augen der Menschen unsichtbar bleiben«, so heißt es zu Beginn im einführenden autobiographischen Text. Und: »Es gibt keine glückliche Kindheit, die Dinge sind zu kompliziert, aber später wird er sich immer an die Langsamkeit damals erinnern.«

Mit nur wenigen Worten verdichtet Ferdinand von Schirach seine Kindheit zu einer komplexen Geschichte: Erste Jahre auf dem Familienanwesen; Internat im Schwarzwald; die Eltern trennen sich früh; der Vater stirbt, als der Junge 15 ist; bald danach überlebt er einen Selbstmordversuch und versteht bald, dass die Depression bleiben wird.

 

Familienbande

Heute ist ihm klar – das deutet er in diesem Band an –, dass die Melancholie, dass die dunkle Decke, die über dem Leben liegt, viel mit seinem Großvater zu tun hat: mit Baldur von Schirach, bis 1945 Reichsstatthalter in Wien, verantwortlich für die Deportation der Wiener Juden. Das Unrecht, für das Baldur von Schirach verantwortlich war, die Gewalt, die Grausamkeit spielen eine zentrale Rolle für das Leben des Enkels. Er hat Jura studiert, war Strafverteidiger und reflektiert jetzt als Schriftsteller Verbrechen, Schuld und Gerechtigkeit, denkt über den Rechtsstaat nach, über das Gute und das Böse, über Moral.

Nicht alle Texte dieses Bandes sind gleich gut. Einige sind einfach nur plakativ, wiederholen, was längst in Feuilletons und Talkshows diskutiert wurde. Die Empörung etwa über den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, der den Nationalsozialismus in Deutschland als »Vogelschiss« verharmloste. Oder die Schilderung eines Besuchs in Benediktbeuren erscheint als Plattitüde: »In dem Klosterladen neben der Kirche zeigt mir der Pater Esoterik- und Lebenshilfebücher, Teelichte und gestickte Sinnsprüche. Mehr ertrage der moderne Mensch nicht mehr.«

 

Rechts-Reflexionen

Manches wirkt schnell zusammengeschrieben, man muss ein paar Abstriche machen, dann aber lohnt sich der Band Kaffee und Zigaretten doch. Der Text etwa über einen Dokumentarfilm, der sich den Anwälten Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler widmet (auch wenn dieser Text erstmals bereits 2009 in der FAZ erschien): Alle drei haben Mitglieder der RAF verteidigt, später sei Schily Bundesinnenminister geworden, Ströbele Abgeordneter der Grünen, und Mahler habe als Rechtsradikaler im Gefängnis geendet – wie wird man der, der man schließlich ist?

Bemerkenswert ist auch ein Text über ein Gespräch mit einem Richter des obersten Schweizer Gerichts darüber, was er tun soll, »wenn die Mehrheit in seinem Land ein Gesetz beschließt, das wieder die Todesstrafe einführt«. Oder die Begegnung mit einer ehemaligen Politikerin, die gesagt hat, dass auch Kinderschänder eine Chance auf Rehabilitierung bekommen müssten – mit diesem Statement war ihr (Berufs-) Leben zerstört: Der Hass erdrückte sie geradezu, dem sie jetzt begegnete.

Verbunden werden die Texte über den Zigarettenrauch, der über ihnen zu schweben scheint. Dem Autor muss man dabei in seiner Bewunderung für den Raucher Helmut Schmidt natürlich nicht folgen. Man muss auch kein Faible für das Ritual etwa des Anzündens haben – aber doch für das, wofür der Rauch steht, der versonnen ausgeatmet wird: für das Innehalten und die Distanz zur Gegenwart; man sollte bereit sein, bei einem Kaffee und vielleicht auch einer Zigarette für einen Moment aus dem Rad der Zeit auszusteigen; sich auf die Themen, Fragen, Einsichten des Autors einzulassen.

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. März 2019, Luchterhand, 192 Seiten, 20 Euro/ CHF 28,90

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