Obsessiv

Jung, gutaussehend, Migrationshintergrund – und Leïla Slimani schreibt über Sex: Kein Wunder, dass ihr Roman abgeht. Lesenswert ist ihr Roman aber tatsächlich.

 »50 shades« für Intellektuelle: Das war nur der erste Eindruck. Im Mittelpunkt steht hier kein Frauchen, das sich von einem Superreichen fesseln lässt, dafür eine Journalistin, die ihre Obsessionen offensiv auslebt. Die französisch-marokkanische Starautorin – ausgezeichnet mit dem wichtigen Prix Goncourt und auch international sehr erfolgreich – ist nicht zimperlich, vielmehr geht es in diesem Roman heftig zur Sache.

Dennoch: Einfach nur Erotik-Fantasien sind das nicht. Leïla Slimanis Protagonistin ist besessen davon, das Verlangen zu spüren, das Verlangen der anderen. Den Akt selbst findet sie aber öde und unwürdig, steigert die Heftigkeit, verliert sich in Gewalt und einem Begehren, das sie nicht kontrollieren kann.

 

Moderne Madame Bovary?

In All das zu verlieren geht es oberflächlich nur um das eine, tatsächlich aber um sehr viel mehr, allerdings eher im Hintergrund, mit vielen Fragezeichen: Adèles lieblose Mutter, die triste Ehe der Eltern, die eigene Ehe, die ihr Sicherheit gibt, die sie aber doch nicht will. Es geht um ein Kind, das sie einengt, die Frage, was heimlicher Sex ihr bringt, ob er das Gegenmittel zu einer Ehe ist, die sie hasst und doch nicht hinter sich lässt. Was sie eigentlich will, warum sie sich verloren hat, ob es einen Weg gibt, sich zu finden.

Die Autorin schafft eine »moderne Madame Bovary«: Mit dieser Erhebung in den literarischen Adelsstand durch Libération wirbt der deutsche Verlag. Tatsächlich aber wurde Madame Bovary von einem Mann in einer Zeit geschrieben, als Frauen nicht aus der bürgerlichen Ehe ausbrechen konnten. Adèle könnte es – die Frage ist gerade, warum sie es nicht tut.

 

Was will man vom Leben?

Slimani gibt Hinweise, aber keine Antworten: Das ist eine der Stärken dieses Romans neben dem drängenden, fiebrigen Tonfall, dem man sich kaum entziehen kann. Seine Offenheit, die zum Nachdenken drängt, darüber, ob Adèle tatsächlich ein gelangweiltes Luxusweibchen ist, was Sex bedeutet, bedeuten kann, und Ehe, Monogamie, Kinder, der Job, in dem man sich verkauft, dafür aber Sicherheit gewinnt. Was man vom Leben will und was man bekommen kann. Was sich für Frauen verändert, wie weit der Feminismus uns gebracht hat. Es ist dieser Reflexionsraum, der All das zu verlieren so beunruhigend macht.

Leïla Slimani: All das zu verlieren. Übersetzt von Amelie Thoma. Mai 2019, Luchterhand Literaturverlag, 224 Seiten, 22 Euro

 

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