November-Blues

Schmaler Band mit Gegen-Prosa: Während alle anderen Aufmerksamkeit und Anerkennung suchen, wollen hier zwei Männer aus der Welt verschwinden.

Der eine ist Friedrich Anis langjähriger Ermittler Tabor Süden, der erst für ein Kriminaldezernat und dann für eine Privatdetektei nach Vermissten gesucht hat. Der andere ist ein Schriftsteller, der an Cornell Woolrich angelehnt ist: ein US-Amerikaner, der mit seinen Büchern sehr erfolgreich war und die Vorlagen für etliche Hollywood-Verfilmungen lieferte. Er hat einen Wikipedia-Eintrag – Woolrich gilt als Vater der Noir-Literatur, erfährt man dort –, dürfte heute aber nur noch Eingeweihten etwas sagen.

Anis neuer Titel ist eine Hommage an den Kollegen, der sich aus der Öffentlichkeit zurückzog und 1968 in New York starb. Der Titel des Buchs entstammt auch einem Woolrich-Zitat, das Ani seinem Band vorangestellt hat.

Geschrieben ist die Hommage von einem, der selbst erfolgreich ist mit Büchern, die aus dem Rahmen fallen, zumindest nicht der Durchschnitts-Stapelware entsprechen. Anis Titel sind weniger Krimis als Kriminal-Romane, brauchen wenig Action, sind alles andere als blutig, überzeugen mit ihrer Sprache, Ruhe, Nachdenklichkeit, auch mit dem Wissen darum, dass nicht jeder, der vermisst wird, gefunden werden will.

 

Gestrandet am Münchner Hauptbahnhof

Band 21 fällt noch mehr aus dem Rahmen als die Vorgänger-Bände. Der Narr und seine Maschine hat nicht einmal 150 Seiten, weniger also als die Prosa-Mindestmenge, die als ungeschriebenes Gesetz des Buchmarkts gilt, und verweigert sich noch mehr dem Genre-Raster als seine Vorgänger. Ein Krimi ist dieses Buch jedenfalls nicht, auch wenn der Untertitel einen »Fall für Tabor Süden« verspricht.

Der schmale Band ist sehr reduziert, sehr melancholisch, das ist es aber auch, was ihn lesenswert macht, wenn man sich auf ihn einlassen mag. Besonders gelungen ist der Anfang: Nachdem Süden seine Wohnung dem Vermieter übergeben und das Handy dort gelassen hat, steht er jetzt am Münchner Hauptbahnhof unter den Tafeln mit den Abfahrtzeiten der Züge; immer neue Verbindungen werden angezeigt, Süden bleibt aber stehen. Jahrelang hat er nach Vermissten gesucht, will jetzt selbst verschwinden, weiß aber nicht, wohin. Als ob er nie darüber nachgedacht hat, wohin man verschwinden könnte; was man tut, wenn man nicht mehr da ist; was man gewinnen will, wenn man alles hinter sich lässt. Der Narr hat die Welt so satt und doch keinen Plan B.

Am Ende des Buchs wiederholt sich die Szene, dann aber mit einer Schreibmaschine: Der Narr und seine Maschine, und es ist nicht sicher, ob der Narr am Bahnhof strandet, die Schreibmaschine oder beide.

 

Abtauchen, verschwinden aus dieser Welt

Erst einmal muss Süden die Frage aber nicht beantworten, was Verschwinden in seinem Fall heißen könnte. Seine (ehemalige) Chefin spürt ihn im Bahnhof auf und hat einen Auftrag für ihn: Ein ehemals erfolgreicher Kriminalschriftsteller ist verschwunden, ist nicht mehr in das Hotel zurückgekehrt, in dem er seit Jahren lebt. Dieser Verschwundene ist das Münchner Pendant zu Woolrich, der ebenfalls in Hotels gelebt hat.

Süden nimmt den Auftrag an. Der wortkarge Ermittler spricht mit dem Hotelbesitzer und dessen Mitarbeiterinnen, übernachtet im Zimmer des Vermissten, liest eine noch unveröffentlichte Biografie über ihn. Es gelingt ihm, sich in den anderen einzufühlen, und findet ihn schließlich in einer Kneipe: einen, der ganz aus dem Leben verschwinden will und die Pistole schon geladen hat. Es ist seine Schreibmaschine, mit der Süden am Ende am Bahnhof steht.

 

Selbstbestimmung, Freiheit?

Der Narr und seine Maschine sagt sehr viel mehr, als formuliert ist: melancholisch, nachdenklich, nachdenklich stimmend. Der schmale Band fällt aus unserer geschwätzigen Zeit, die vorgibt, Individualität groß zu schreiben, während man doch mitzuspielen und zu funktionieren hat. Der Narr und seine Maschine diskutiert das nicht, entzieht sich vielmehr wie seine Protagonisten.

 Friedrich Ani: Der Narr und seine Maschine. Ein Fall für Tabor Süden. Oktober 2018, Suhrkamp, 143 Seiten, 18 Euro

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