Midlife Crisis

Ein überraschend fesselnder Putzrausch: Neve gibt sich sehr viel Mühe, Spuren in der Wohnung ihres ermordeten Chefs zu beseitigen, damit niemand – weder die Polizei noch ihre Familie – merkt, dass sie mit ihm eine Affäre hatte.

Charismatische Londonerinnen sind eine Spezialität des Autorenpaars, das hinter dem Pseudonym Nicci French steckt. Zuletzt zeigten sie das in der achtbändigen Krimi-Reihe um die Psychotherapeutin Frieda Klein, auch wenn der letzte Band etwas sehr schnell zusammengeschrieben wirkte. Dafür ist der neue Titel wieder genau ausgearbeitet und lesenswert.

Das Besondere ist der Blickwinkel des Thrillers. Er ist auf Neve konzentriert, die sich immer auswegloser in den Mordfall zu verstricken scheint – auch wenn den Leser*innen von Anfang an klar ist, dass sie ihren Geliebten nicht getötet hat. Sie will unbedingt vermeiden, dass ihr Mann und ihre drei Kinder von der Affäre erfahren. Denn Neve ist ihr Fels in der Brandung: Sie unterstützt ihren depressiven Mann, verdient das Geld für die Familie, schmeißt den Haushalt, ist für ihre Kinder wie für ihre Freunde da.

 

Noch einmal in vollen Zügen leben

So soll es bleiben – aber jemand versucht, Neve einen Strich durch die Rechnung zu machen: Die Beseitigung der Spuren in der Wohnung des Geliebten klappt nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat. Es wird immer schwieriger, der Polizei gegenüber aufrechtzuerhalten, dass sie ihren Chef nur beruflich kannte, dass sie keine private Beziehung zu ihm hatte.

Während die Schlinge sich immer enger um Neve zieht, wird deutlich, dass ihr Leben längst nicht so glatt läuft, wie es ihre Fassade nahelegt. Die Ehe hat sich nach 20 Jahren leergelaufen, die Kinder brauchen Aufmerksamkeit, die älteste Tochter hat eine Drogengeschichte hinter sich, die viel Kraft gekostet hat. In der Liebes-Affäre aber ist Neve noch einmal aufgeblüht, fühlte sich wieder jung, gesehen, befreit vom Alltag.

Was sie nicht wusste ist ein weiterer der vielen eher nichtssagenden Buchtitel für einen Thriller. Der Stoff dahinter lohnt sich aber: Es ist ein enorm fesselndes Buch, an dessen Ende der Täter zwar natürlich entlarvt wird, der Fokus aber konsequent bei Neve bleibt – bei der Beziehung zu ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Freunden. Und damit bei der Frage, worum es im durchgetakteten und doch immer anstrengenden Familienalltag geht oder gehen sollte.

Nicci Fench: Was sie nicht wusste. Übersetzt von Birgit Moosmüller. Januar 2020, C. Bertelsmann, 448 Seiten, 16 Euro

 

 

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