Wozu Philosophie?

Radiogeplätscher ist mir nachgegangen und der Vorschlag des btb-Verlags: Mit Adorno in Neapel könne man den 50. Todestag des Philosophen begehen. Die Frage ist aber: Wozu braucht man solches Gedenken?

Der 50. Todestag von Theodor W. Adorno war WDR 2 einen Stichtag wert, und natürlich plätscherte die Busenattacke schön anschaulich durch die Radiowellen: Studentinnen brüskierten den Professor, indem sie ihre durch Lederjacken verhüllten Brüste entblößten. Theodor W. Adorno, das war ansonsten der kapitalismuskritische Philosoph aus wohlhabendem Elternhaus, der vor den Nazis nach Amerika geflohen war, die Dialektik der Aufklärung geschrieben und proklamiert hatte, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne.

Ein paar Erinnerungen routiniert und unkommentiert aneinandergereiht. Keine Erklärung, warum es Sinn machen könnte oder sollte, sich mit Adorno und seinem philosophischen Vermächtnis zu befassen. Der Normalhörer bekommt ein paar bunte Impressionen zur Zerstreuung, und weiter geht’s mit Musik, Wetter und Werbung.

 

Italien sehen und philosophieren

Ein anderes Kaliber war der Vorschlag des btb Verlags, den 50. Todestag mit der Lektüre von Adorno in Neapel zu begehen: eine Erinnerung an den jungen Philosophen. Anfang der 1920er Jahre besuchte Adorno Neapel, schon damals Sehnsuchtsort und Touristenhighlight. Dolce far niente aber natürlich nicht für den 22-Jährigen, Adorno hat immer und überall gelesen, geschrieben, debattiert – und bereits damals in Neapel die Grundlage seiner Philosophie entwickelt, sagt Martin Mittelmeier.

Adorno in Neapel ist eine Dissertation. Zugänglicher geschrieben als viele andere Dissertationen, dennoch ist sie natürlich eine Facharbeit, die – auch in der Veröffentlichung durch einen Publikumsverlag – sich nicht an ein breites Publikum richtet, vielmehr an Eingeweihte und Jünger_innen.

 

Trost der Philosophie

Das ist deutlich gehaltvoller als das Radiogeplätscher, und doch bleibt die Frage, wozu dieses Gedenken nützt. Und: Welchen Sinn Philosophie in einer Zeit macht, in der zumindest in weiten Teilen Europas so viele Menschen Zugang zu Bildung haben wie nie zuvor – eine Zeit, in der man aber am liebsten heulen würde über die Schwarm-Intelligenz im Netz, geballte Dummheit, die fehlende Bereitschaft zu Differenzierungen, auch wenn einige Tausend alljährlich zur phil.cologne pilgern.

Welchen Sinn hat Philosophie? Vielleicht einfach nur den, dass die Welt ohne sie noch dümmer wäre. Adorno in Neapel muss man dafür allerdings nicht lesen.

Martin Mittelmeier: Adorno in Neapel. Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt. März 2015, btb, 304 Seiten, 9,99 Euro

 

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