Eisbrecher

Monty Python-Star Michael Palin schreibt über die HMS Erebus, ein Forschungsschiff, das nach der Nordwestpassage suchte und im Jahr 1848 spurlos verschwand. Das Buch ist satirefrei, aber unbedingt ein Lesetipp.

Bücher über Entdecker- und Abenteuerreisen sind angesagt – fünf Titel erscheinen im Herbst allein im mare Verlag: neue Bücher über Amundsen und Scott; Polarfahrt, eine Reise im 19. Jahrhundert zum Nordpol; die Barrow Boys: Expeditionen im Auftrag der Englischen Admiralität im 19. Jahrhundert; und auch Erebus erzählt von englischen Missionen. Es geht um Mut und Abenteuerlust, darum, etwas zu entdecken, was vorher nie ein Europäer gesehen hatte. Und es geht um Helden, die Stürmen, Eis, unglaublicher Kälte und auch der Dunkelheit trotzten.

Für Michael Palin kam noch etwas anderes hinzu: Sein Buch über die Erebus war das Mittel gegen seine Sinnkrise. Die letzte Monty Python-Show war vorbei, er wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte – da kam die Entdeckung des Dreimasters gerade recht, der im Jahr 1848 verschwunden war. 2014 wurde das Wrack gefunden, nachdem vorher dutzende Expeditionen vergeblich nach der Erebus und ihrem Schwesterschiff Terror gesucht hatten – den beiden Schiffen, die schon Antarktisreisen überstanden hatten, im Norden des heutigen Kanada aber schließlich das Ende für 130 Männer bedeuteten. Möglicherweise auch für einige Frauen, die sich als Männer ausgegeben hatten – jedenfalls berichtet Palin von DNA-Funden, die das nahelegen.

 

Lebensfeindliche Schneewüste

Das 19. Jahrhundert war eine gute Zeit für Entdeckungsreisen, erzählt er: Nach dem Ende der napoleonischen Kriege hatte die englische Marine nicht viel zu tun, und so schickte man Forschungsschiffe los. Den Erdmagnetismus zu untersuchen, war eine der Aufgaben, ebenso Flora und Fauna aufzunehmen und die buchstäblich weißen Flecken der Antarktis auf den Karten zu überschreiben. Diese mehrjährige Reise rekonstruiert Palin – und dann den Aufbruch nach Norden, die Suche nach der Nordwestpassage.

Doch diese Expedition fiel in eine besonders kalte Zeit: Die Männer kamen »in den Jahren ohne Sommer« an, die Schiffe froren fest. Vermutlich starben die Seefahrer an Tuberkulose, an Skorbut, möglicherweise auch an Bleivergiftung durch die Konserven. Die extreme Kälte war ein gravierendes Problem. Die Dunkelheit. Und noch etwas: Die Männer waren hervorragend ausgebildete Seeleute – wie man über das Eis geht und überlebt, wussten sie dagegen nicht. Sie versuchten es, scheiterten aber. Drei Jahre dauerte es wohl, bis die letzten starben.

 

Biographie eines Dreimasters

Seit 2014 erzählt das Wrack seine Geschichte. Schon vorher waren Gräber gefunden worden, ein Beiboot, das die Männer über Land geschleppt hatten, verlassene Lagerplätze. Auch Inuit wussten einiges zu erzählen, als man ihnen schließlich zuhörte, berichtet Palin. Ihre Beobachtungen hätten aber in keinem Fall etwas geändert – die Engländer schickten das erste Rettungsschiff los, als es schon zu spät war.

Palins Buch – die Erzählung von den Erebus-Fahrten und von der Suche nach dem verschwundenen Schiff – geht behäbig los, nimmt aber Fahrt auf mit dem Start der Expedition der Erebus zum Südpol. Er erzählt vom Leben an Bord, von Weihnachten im Eis und von ausgelassenen Silvesterfeiern, aber auch von drakonischen Strafen bei Fehlverhalten. Und dann eben der Aufbruch nach Norden, der Optimismus, der feste Glaube daran, dass es Engländer sein würden, die schließlich die Nordwestpassage finden.

 

Der Rückzug des Eises

Palin lässt vieles mitschwingen: die Arroganz der Kolonialmacht, Abenteuerlust, Forschungsinteresse, er erzählt von der Seefahrerkunst, von Stürmen, von extremen Herausforderungen der Eis- und Schneewelten, vom Zufrieren der Wasserwege, vom Glauben daran, das alles beherrschen zu können – und von der Ernüchterung, der Enttäuschung, der Verzweiflung, als klar wird, dass es kein Entrinnen gibt.

Palins Biographie der Erebus erzählt spannend ein interessantes Kapitel der Schifffahrts- und Expeditionsgeschichte, nimmt seine Leser_innen mit an Bord, zeichnet ein differenziertes Bild der Leistungen, ohne die Schattenseiten auszusparen. Am Ende kann man darüber nachdenken, was an diesen Reisen immer noch so fasziniert – und was sie ausmachte: die Suche nach Freiheit, das Interesse daran, die Erde zu vermessen, oder auch die unbändige Lust, sie auszubeuten? Inzwischen wird durch den Klimawandel die Nordwestpassage schiffbarer, und der Streit darum, wer Anspruch auf diese Region und ihre Ressourcen erheben kann, steht wohl erst am Anfang.

Michael Palin: Erebus, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See. Übersetzt von Rudolf Mast. Oktober 2019, mare, 400 Seiten, 28 Euro

 

 

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