Die Frau und das Meer

Bewährter Autor, neue Reihe: Michael Connelly lässt Renée Ballard in Los Angeles ermitteln, in der »Late Show«, der anstrengenden, mühsamen Nachtschicht. Erholung gibt’s am Venice Beach.

Lange hat sie auf Hawaii gelebt, sie kann surfen, am Venice Beach aber sucht Renée Ballard Distanz von der Arbeit mit Standup-Paddeln. Meine Sportart ist das nicht, aber jedes Bild vom Meer, vom Unterwegssein auf dem Wasser ist mir in diesen Corona-Zeiten, in denen man zu Hause bleibt, sehr willkommen.

Ihr Hund ist mit Ballard am Strand, ansonsten aber ist sie meist allein, auch und gerade im Dienst. In die Late Show, in die Nachtschicht des LAPD, wurde sie strafversetzt, nachdem sie ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung angezeigt hatte, ihr Partner aber nicht als Zeuge auftrat, sondern sie im Regen stehen ließ.

 

Ein paar Stunden am Strand

Es sind allerdings nicht vor allem die Nachtstunden, die Ballard zu schaffen machen. Besonders schwer fällt es ihr, dass ihre Schicht die Ermittlungen startet, dann aber an die Tag-Kollegen abgeben muss, die den Fall aufklären sollen.

Sie verbeißt sich in die Verbrechen, von denen sie glaubt, dass die Kollegen nicht wirklich an ihnen interessiert oder dass sie auf dem falschen Dampfer sind: Ein Scheckkarten-Betrug, eine Transsexuelle, die fast totgeschlagen wurde, eine Schießerei in einem Nachtclub. Tagsüber fährt die Streifenpolizistin ans Meer, paddelt, schläft zwei, drei Stunden in einem Zelt am Strand, bewacht von ihrem Hund – und geht dann heimlich den Verbrechen nach, die sie eigentlich den Kollegen überlassen müsste.

 

Einsame, aber starke Heldin

Der frühere Kriminalreporter Michael Connelly schreibt seit den 1990er Jahren Los Angeles-Thriller. Berühmt wurde er mit seinem Detective Hieronymus Bosch, einem Vietnam-Veteranen. Zwei seiner Bücher wurden mit großer Besetzung verfilmt: Das zweite Herz mit Clint Eastwood als Bosch und Der Mandant, ein cleverer Anwaltsthriller, mit Matthew McConaughey.

Und jetzt gibt es also eine neue Reihe mit einer einsamen, taffen, hartnäckigen Ermittlerin. Der Auftakt ist ein klassischer Polizeithriller, der Einblick in den Alltag der Polizei gibt – für meinen Geschmack ist er bei den Details der Coparbeit allzu penibel. Er lebt aber von der Hauptfigur, von ihrer Unbestechlichkeit, von der Aura der einsamen, integren Heldin.

Für Krimi-Enthusiasten, die etwas Außergewöhnliches, Innovatives suchen, ist Late Show keine Offenbarung. Der Thriller bietet aber solide Spannung für alle, die eine Pause brauchen von Corona-Nachrichten und -Ratschlägen.

Michael Connelly: Late Show. Übersetzt von Sepp Leeb. März 2020, Kampa Verlag, 432 Seiten, 19,90 Euro

 

 

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