#MeToo

Spielt Sexismus im Literaturbetrieb eine Rolle – in der Welt der körperlosen, geistigen Kunst? Oder müsste es nicht besser heißen: Was soll diese naive Frage?

Warum sollte der Literaturbetrieb anders sein als der Rest der (Kultur-) Welt?

Franziska Walser hat dennoch für den Deutschlandfunk nachgefragt. Glaubt oder hofft sie, dass der Literaturbetrieb eine bessere Welt ist, weil Männer und Frauen dabei sind, die sich der Sprache verschrieben haben – Gebildete, die reflektieren und differenzieren, zu Selbstkritik in der Lage sein und höchst sensibel auf Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch reagieren sollten?

Franziska Walser ist nicht naiv – in der Schriftversion ihres Radiobeitrags ist das auch Schwarz auf Weiß nachzulesen: »Die Buchbranche ist ebenso sexistisch wie die Gesellschaft«.

MeToo-Skandale sind allerdings nicht zu vermelden. Vielleicht gibt es sie nicht. Vermutlich werden sie aber nicht an die große Glocke gehängt – das kann man aus Walsers Beitrag heraushören. Ist das dann aber alles?

 

Nachzählen in einer weiblichen Branche

Ihr Beitrag ist eine Momentaufnahme, die anzusprechen versucht, worüber Autorinnen und Lektorinnen lieber schweigen, solange das Mikrophon eingeschaltet ist. Walser spricht zudem über das, was dieses Schweigen befördert und gerade durch die Studie #frauenzählen in die Öffentlichkeit gebracht wurde: Die Branche ist zwar überwiegend weiblich – Leser sind meist Leserinnen, Lektoren sind Lektorinnen, Buchhändler sind Buchhändlerinnen –, Rezensionen aber sind Männersache: Zwei Drittel der rezensierten Bücher sind von Männern verfasst worden; Kritiker schreiben vor allem über Männer: Drei Viertel aller von Männern besprochenen Werke sind von Autoren verfasst (Kritikerinnen besprechen ausgewogener, doch auch überwiegend Männer). Besonders deutlich wird es bei Krimis und Thrillern: Hier rezensieren mit 82 Prozent Männer am liebsten Männer.

Die Statistik ist nicht schön, klingt aber harmlos verglichen mit Regisseuren in Bademänteln, bei denen frau nachts in Hotelbetten vorsprechen soll. Zumal sich die Buchbranche tatsächlich verändert hat.

Heute sind mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Literaturkritikerinnen kommen zu Wort. Und niemand spricht mehr wie in den neunziger Jahren vom »Fräuleinwunder der deutschen Literatur«, erkennt nicht mehr wohlwollend-herablassend an, dass junge Frauen nicht nur anschaulich sind, sondern überraschenderweise passabel schreiben können. Der Verleger, der Jungautorinnen übers Haar streicht und auch sonst nicht auf körperliche Zuwendung verzichten mag, ist ein Auslaufmodell – oder zumindest aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und über die (Männer-) Quote bei Literaturpreisen wurde inzwischen immerhin diskutiert.

 

Gut aussehend, brav, angepasst

Dennoch: Es ist keine Marginalie, dass Werke von Frauen deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten als Titel ihrer männlichen Kollegen. Geht es doch gerade darum, wahrgenommen zu werden, Anerkennung zu finden, vom Schreiben leben zu können. In einer Zeit zumal, in der die Zahl der Leser_innen in nur wenigen Jahren um rund sechs Millionen zurückgegangen ist, die Feuilletons schmaler werden, der Platz für Bücher abnimmt.

Deshalb macht #frauenzählen Sinn und ebenso Franziska Walsers Radiobeitrag. Auch wenn diese Momentaufnahmen nur benennen, was frau vorher schon wissen konnte: Die Hinweise sind es wert, beachtet zu werden. Nicht nur von den Frauen in der Branche, vielmehr auch von den vielen Leserinnen, die mit ihren Buchkäufen den Literaturbetrieb erst finanzieren. Das Nachdenken über Frauenbilder, Rollen- und Selbstverständnis hat sich nicht erledigt.

 

Franziska Walsers Beitrag im Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunkkultur.de/metoo-im-literaturbetrieb-schweigende-frauen-und-sprechende.976.de.html?dram:article_id=434054

Die Studien #frauenzählen: www.frauenzählen.de

 

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