Die Ungebändigte

Eigensinnige Zauberin statt leicht zu greifender Nymphe: Circe erhält eine Stimme, die Tochter der Okeanide Perse und des Sonnengotts Helios – ein spannender Blick auf jahrtausendealte Legenden.

 Berühmt-berüchtigt wurde Circe damit, dass sie Männer in Schweine verwandelte, insbesondere die Gefährten von Odysseus. Allerdings waren sie nicht die ersten, die von ihr verzaubert wurden, von der Hexe, die von Zeus und von ihrem Vater Helios auf eine einsame Insel verbannt worden war, weil sie sich nicht so verhalten hatte, wie man es von ihr erwartete – so lässt Madeline Miller es sie selbst erzählen.

Circe differenziert in diesem Roman wenig in ihrem Männerhass, verwandelt alle Seeleute, die auf ihre Insel kommen, in Schweine. Sie hat auch gute Gründe dafür: Sie war allein auf ihrer Insel, freute sich über Besuch, als endlich ein Schiff anlegte, bewirtete die Gäste – den Männern aber fiel nichts anderes ein, als über sie herfallen zu wollen. Von einer Frau ist schließlich keine Gegenwehr zu befürchten, von einer Nymphe schon gar nicht: Gemäß einem alten Götterwitz sind sie nicht gerade gut darin, wegzulaufen.

Circe ist aber nicht nur Nymphe, sie kann auch zaubern, und ihre Spezialität ist die Verwandlung. Den Fischer Glaukos, in den sie sich verliebt hatte, ließ sie zu einem Gott werden, ihre Konkurrentin Scylla zu einem Seeungeheuer und Männerhorden eben zu Schweineherden. Der Kapitän des ersten Schiffs kann sie noch vergewaltigen, danach gelingt das niemandem mehr.

 

Familien-Außenseiterin

Circe ist nach Achill die zweite Figur der griechischen Mythologie, die Miller in einem Roman zu Wort kommen lässt. Von ihr erzählt die US-amerikanische Altphilologin als Teil einer dysfunktionalen Familie. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, betrügt und benutzt die anderen, wie es gerade so kommt, nur Circe passt nicht in das Verwandtschaftsgefüge: Sie ist nicht schön genug für die Tochter des Sonnengottes, hat keine donnernde Götterstimme, sondern klingt eher menschlich, hat anders als der Rest der Bande Mitleid mit Prometheus, als er ewiger Folter ausgesetzt wird.

Anders als ihre Verwandten empfindet Circe auch Schuld: den Seeleuten gegenüber, die Scylla zum Opfer fallen – dem Ungeheuer, das sie selbst erschaffen hat. Und sie empfindet Mitleid für die Opfer des Minotaurus: das kretische Ungeheuer, der Sohn ihrer Schwester, bei dessen Geburt Circe helfen soll. Ihre Schwester hatte Spaß daran, sich mit einem Stier einzulassen und ein Monster zur Welt zu bringen, das Circe nur zum Teil bändigen kann: Einmal im Jahr fordert es Menschenopfer.

 

Anklänge an die MeToo-Debatte

Die Reihe der Götter, Helden, Sagengestalten, Ungeheuer, mit denen Circe zu tun hat, ist lang: Prometheus, Scylla, der Götterbote Hermes, der Minotaurus, den Theseus schließlich mit Hilfe Ariadnes besiegen kann, Medea, wie Ariadne eine Nichte von Circe, Dädalus, Odysseus, Penelope – Madeleine Miller lässt die griechische Mythologie lebendig werden, die verrückten, versponnenen, seltsam faszinierenden Erzählungen vom Lauf der Sonne, von der Unterwelt, den Zumutungen der Götter, von Titanen, Nymphen, Zauberinnen.

Vor allem aber erzählt sie von der Selbstwerdung einer Frau, die nicht zu ihrer Familie passt, die anders ist, irgendwann den anderen nicht mehr hinterherläuft, sondern sich die Freiheit nimmt, sie selbst zu sein.

Der Vergleich mit Christa Wolfs Kassandra ist naheliegend, wird auch gern gezogen, ist aber zu hoch gegriffen: Ihre Erzählung ist reflektierter, tiefgründiger, komplexer als Millers Roman. Ich bin Circe ist leichter geschrieben, zugänglicher, unterhaltsamer – und doch die interessante, spannende Darstellung einer starken, unabhängigen Frau.

Gewalt wird schön geschrieben. Zum Beispiel Auguste Rodins Faun und Nymphe: »Ein bärtiger Faun sitzt auf einem Felsen und umfasst gierig eine schöne, junge Nymphe«, heißt es im beschreibenden Text des Folkwang Museums. »Die Nymphe wehrt sich mit aller Kraft gegen seinen Zugriff.« Der Museumstext verweist auch auf Rodins Kommentar dazu, dass die Darstellung sexueller Gewalt eigentlich keine Rolle spiele: »Man muss den Themen, die man behandelt, nicht all zu viel Bedeutung beilegen. Zweifellos haben sie einen Wert und tragen auch dazu bei, das Publikum anzuziehen; aber die Hauptsorge des Künstlers muss darin bestehen, die Muskulatur so lebendig als möglich zu gestalten. Auf das übrige kommt es wenig an.« http://sammlung-online.museum-folkwang.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&siteId=1&module=collection&objectId=3620&viewType=detailView&lang=
de&actionListenerClassName=ch.zetcom.mp.presentation.tapestry.util.customCode.ActivateDetail
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Millers feministischer Blick auf die Nymphe Circe lässt nach der MeToo-Debatte die Kunst- und Literaturgeschichte anklingen mit ihren zahlreichen Nymphen-Bildern, Statuen und Geschichten. Wie das Waterhouse-Gemälde Hylas und die Nymphen aus dem Jahr 1896, das eine Zeitlang in der Manchester Art Gallery nicht zu sehen war. Es zeigt nackte Nymphen, die einen Mann ins Wasser und damit in den Tod ziehen wollen. Die Frage sei, wie frau mit dem zugreifenden Blick von Künstlern umgeht, umgehen will, heißt es aus dem Museum – damit, dass der weibliche Körper »passiv-dekorativ« gezeigt werde oder als »femme fatale«. Dass solche Aktionen, dass solche Fragen in Millers Roman mitschwingen, gehört zu seinen besonders spannenden Seiten. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/john-william-waterhouse-hylas-und-die-nymphen-in-manchester-abgehaengt-a-1190996.html

Madeline Miller: Ich bin Circe. Übersetzt von Frauke Brodd. August 2019, Eisele Verlag, 528 Seiten, 24 Euro

 

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