Lese-Tagebuch

 

Was soll das Gemetzel?

Freitag, 6. Dezember 2019 Ein nackter Körper, der in der alten Gefängniswäscherei in zwei Hälften zerteilt wird: So beginnt Sebastian Fitzeks aktueller Thriller Das Geschenk. Von mir aus kann er sich mit seinem Gemetzel gern eine goldene Nase verdienen. Die Werbung für seinen Thriller hätte sich der WDR aber schenken können: Eine Reporterin mit leuchtender Stimme, die für Fitzeks Lesung bei der litcologne wirbt und von der Eingangsszene schwärmt, als ob hier das Jesuskind geboren wird.

 

Ja: Man muss nicht schon wieder wegen eines Krimi-Gemetzels besorgt aus der Wäsche gucken. Man muss sie aber auch nicht als literarische Offenbarung anpreisen. Oder anders gesagt: Von einem WDR-Beitrag erwarte ich wenigstens einen Hauch Reflexion. Stattdessen die leuchtende Stimme der Reporterin, die verspricht, dass es auf den folgenden Seiten noch krasser wird. Was soll man davon halten: Ist das Journalismus, Werbung, der Untergang des Abendlandes?

Er war nackt und wurde in zwei Hälften        geteilt. Es fühlte sich nicht nur so an,
es geschah tatsächlich. Hier und jetzt in         der alten Gefängniswäscherei, auf dem              Fliesenboden, direkt neben dem                    Industrietrockner.
Sebastian Fitzek, Das Geschenk

Der Wunsch nach Sinn, Verstand, Reflexion ist Old School und 20. Jahrhundert, meinetwegen. Das geistfreie Gerede nervt trotzdem. Zwei Sätze, die begründen, warum das Zerteilen eines nackten Körpers in der alten Gefängniswäscherei unbedingt lesenswert ist, sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern.

 

 

Der Nobelpreis oder Wie konsequent wird zwischen Autor und Werk getrennt?

Montag, 18. November 2019 Erst Bob Dylan, der keine Lust hatte auf den Nobelpreis, dann die Skandale um das Komitee, schließlich der Streit um Peter Handke – der Literaturnobelpreis hatte schon bessere Tage: Es scheint fragwürdig, einen Autor, der die Nähe zu Slobodan Milošević gesucht, der Kriegsverbrechen verharmlost und geleugnet hat, mit dem international wichtigsten Literaturpreis auszuzeichnen. Zumal Handkes politische Einlassungen schon früher diskutiert wurden, etwa, als ihm der Düsseldorfer Heinrich Heine-Preis zugesprochen werden sollte. Damals löste Handke das Problem, indem er den Preis nicht annahm.

Es gibt gute Gründe für eine neue Debatte, sie erscheint mir aber inkonsequent: Wenn man Peter Handke kritisch sieht, kann man dann Martin Luther als den großen Reformator feiern – einen Autor, bei dem man nicht einmal zwischen Leben und Werk trennen muss, schließlich hat er seine antisemitischen Ansichten dezidiert zu Papier gebracht? Was ist mit Jean-Jacques Rousseau, der so gut über Erziehung schrieb und seine Kinder ins Waisenhaus brachte? Was mit Woody Allen, der Nacktfotos von der Adoptivtochter seiner Frau hatte und das Adoptivkind schließlich heiratete – soll man ihn trotzdem als Künstler feiern? Oder die Filme Roman Polanskis anschauen, der sich seit Jahrzehnten der Anklage wegen Vergewaltigung einer damals Dreizehnjährigen entzieht?

Kann man zwischen Werk und Autor trennen? Muss man das nicht sogar? Peter Handke hat sich zu Serbien geäußert – von dem, was in den Köpfen mancher seiner Kolleg_innen verborgen sein mag, weiß man dagegen nichts. Vielleicht entpuppt sich der eine oder andere als Marquis de Sade, vielleicht als Faschist, vielleicht – wie Nobelpreisträger Günter Grass – als ehemaliges SS-Mitglied. Was bedeutet das für sein Werk und dessen Rezeption? Oder: Darf ein Landschaftsbild Emil Noldes, der sich den Nazis angedient hat, im Kanzleramt hängen?

Es ist falsch, Peter Handke mit dem Nobelpreis für Literatur auszuzeichnen: Die Ehrung und das Preisgeld von rund 830.000 Euro gehen schließlich nicht ans Werk, sondern an einen Autor, der von Kriegsverbrechen nichts wissen will. Dennoch: Die Fragen dieser Debatte sind längst nicht so schlicht, wie sie allzu oft dargestellt werden. Warum etwa gibt es so viel Empörung über Peter Handke, nicht aber über Martin Luther, einfach nur, weil Luther lange schon tot ist? Wer soll geächtet werden, wer nicht – und aus welchen Gründen?

 

Abtauchen

Samstag, 5. Oktober 2019 Als vor 40 Jahren Michael Endes »Unendliche Geschichte« erschien, gab es zwei Reaktionen. Die Leser_innen waren begeistert und machten das Buch zum Bestseller. Kritiker_innen äußerten sich dagegen skeptisch: Das Buch sei romantischer Eskapismus, nicht realistisch, nicht gesellschaftskritisch genug.

Jetzt, zum 40. Geburtstag des Titels, wird die Jubiläumsausgabe mit ihrer opulenten Ausstattung wohlwollend aufgenommen: Ein Jahr lang hat der Künstler Sebastian Meschenmoser nach Phantásien gesucht und Bastians Geschichte mit dem Drachen Fuchur illustriert. Ein schönes Geschenk- und Erinnerungsbuch für Leser_innen ab zehn, zum stolzen Preis von 35 Euro.

Was sagt das über den Buchmarkt? Wollen Kritiker_innen sich nicht die Zähne ausbeißen an dem internationalen Bestseller? Sind sie inzwischen einfach nur dankbar, wenn überhaupt Bücher gekauft oder sogar gelesen werden? Spielen gesellschaftskritische Kriterien keine Rolle mehr?

Jedenfalls liest man wohlwollende Geburtstagsgrüße, die als Literaturkritik verpackt, aber eher Anzeigen sind. Es scheint einfach nur schön zu sein, dass es dieses Buch gibt und einen Verlag, der sich das Schmuckstück leistet.

Ich vermisse nicht die Zeiten, als Kritiker_innen als Oberlehrer und Henker in Personalunion auftraten. Ich vermisse aber Reflexion. Was ist das Besondere an der Geschichte dieses Bestsellers? Wird das Buch heute noch gelesen, oder ist es ein nostalgisches Erinnerungsstück, das man sich ins Bücherregal stellt? Was sagen Kinder dazu – lesen sie den Schmöker überhaupt? Sollten sie das Buch lesen, in dem ein übergewichtiger Junge, der von allen gemobbt wird, sich in ein Buch und seine Fantasiewelt zurückzieht? Sollte man lieber abtauchen in Phantásien als in YouTube?

 

Märchenhaft?

Samstag, 29. September 2019 Die Märchenbuch-Verschenkaktion von Amazon gemeinsam mit der Stiftung Lesen sorgte schon lange im Vorfeld für Zündstoff in der Buchbranche: Zum Weltkindertag am 20. September sollten eine Million Exemplare verschenkt werden. Buchhändler_innen waren sauer, weil Amazon für sie der Staatsfeind Nummer 1 ist und die Stiftung Lesen aus ihrer Sicht gerade nicht als Partner des Onlinehändlers auftreten sollte. Andere waren verärgert, weil sie sich von der Verschenkaktion ausgeschlossen fühlten: Beteiligt waren anfangs nur die Filialisten Thalia, Mayersche und Hugendubel.

Amazon ist eine besonders heftige Konkurrenz. Der Onlinehändler profitiert von der Lesekultur, die Buchhändler_innen mit viel Engagement aufbauen, trägt aber zugleich zu ihrer Zerstörung bei – natürlich sind Buchhändler_innen Amazon nicht wohlgesonnen. Muss man deshalb aber debattieren, ob der Börsenverein, die Interessengemeinschaft der Buchhandlungen, weiterhin Mitglied der Stiftung Lesen bleiben kann, weil sie sich für eine Aktion mit Amazon zusammengetan hat?

Inzwischen wurden die Bücher verschenkt: Es war einmal, Märchen der Brüder Grimm und einige neue Texte. Am Ende konnten alle Buchhändler_innen an der Aktion teilnehmen, wenn sie sich bei Amazon registrierten. Entwürdigend fanden das die einen. Die anderen bestellten einfach die kostenlosen Bücher. Und tatsächlich: Einige Interessenten standen schon vor der Ladenöffnung draußen vor der Tür, um sich ihre Gratisexemplare zu sichern.

Natürlich war das eine Werbeaktion vor allem erst einmal für Amazon. Nachhaltige Leseförderung sieht anders aus, auch wenn eine Million Bücher unters Volk gestreut wurden. Es gibt gute Gründe, mit der Stiftung Lesen über diese Aktion zu streiten. Mit ihr brechen muss man deswegen nicht.

 

Spannende Statistik

18. Juni 2019 Wieder geht es um #frauenzählen: Die Studie hat sich längst bewährt. Einfach mal zu schauen, wie viele Bücher und Rezensionen von Frauen und von Männern veröffentlicht werden, wer wie viel Raum in der literarischen Welt bekommt, ist interessant. Nachdenkenswert ist auch, wer sich warum darüber aufregt.

Jetzt hat sich Mara Delius für die Welt zu Wort gemeldet. Schon wieder sei die Aufregung groß, referiert sie. »Zwölf zu eins: Der Rowohlt-Verlag druckt im Herbst mehr Bücher von Männern als von Frauen.« Zwölf Männer und eine Frau, die auch noch im 19. Jahrhundert lebte und unter männlichem Pseudonym, als George Eliot, schrieb.

Zwölf zu eins: Erst einmal sind das nur Zahlen. Interessant ist aber die Interpretation. »Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, ob es für den Herbst nicht mehr Bücher von Frauen gab, eine ganz einfache: Nein, gab es nicht«, so Delius. »Ein Verlagsprogramm ist kein Gleichstellungsbeauftragtenpapier.« Und: »Offenbar rumpeln in der Kritik einige Kategorien durcheinander: die Frage der literarischen Qualität wird überlagert von der Frage des Geschlechts.«

Frau könnte aber auch und schon wieder und immer noch anders ansetzen: Vielleicht heißt zwölf zu eins, dass es doch gute Bücher von Frauen gab, man sie bei Rowohlt aber nicht sah. Dann wäre die Frage: Warum nicht?

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article195296659/Im-Zweifel-fuer-die-Literatur.html

 

»Buch 1.0«

11. Juni 2019 Sibylle Berg ist immer gut für Spitzen und Provokationen – jetzt aber überrascht sie mit einer braven Entdeckung: wie wohltuend es ist, zum guten, alten Buch zu greifen, statt sich im Dauerstress der social media aufzureiben. »Ich habe das Gefühl, irgendeinem seltsamen Versuch, der mit meinem Gehirn angestellt worden ist, entkommen zu sein. Ich bin wieder ruhig. Ich lese. Ich habe Hoffnung«, schreibt sie in ihrer Spiegel-Kolumne.

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-lesen-die-flut-der-informationen-bringt-nur-aufregung-a-1270631.html#ref=rss

 

Düsseldorfer Literaturpreis

Dienstag, 4. Juni 2019 Düsseldorf ist nicht gerade eine Literaturstadt, aber einen renommierten, mit 20.000 Euro dotierten Preis gibt es doch. In diesem Jahr bekommt ihn Karen Duve für ihren Roman über Annette von Droste-Hülshoff: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Ein ironischer, schön geschriebener Roman, dennoch: Ein Gegenwarts-Buch wäre mir lieber gewesen, eines, das sich mit unseren Fragen befasst und nicht nur erzählt, wie unfair die Welt früher Frauen gegenüber war.

Jury-Mitglied Verena Auffermann begründet die Wahl so: „Karen Duve entwirft mit treffsicherem Witz und Sprachmacht das Portrait einer eigensinnigen jungen Frau, eingeschnürt in die Konventionen ihrer Zeit und Herkunft. Fräulein Nettes kurzer Sommer ist keine einfache Biografie. Karen Duve entwirft mit literarischer Intuition, historischem Wissen und Brillanz das lebensgeschichtliche Panorama eines künstlerischen und emanzipatorischen Alleingangs, der Annette von Droste-Hülshoff zur großen Dichterin ihrer Epoche werden ließ.“

Das ist aber gerade die Frage, die Karen Duve offen lässt: Warum die Droste trotz der massiven Widerstände, die sie überwinden musste, Dichterin werden wollte und konnte.