Lese-Tagebuch

Abtauchen

Samstag, 5. Oktober 2019 Als vor 40 Jahren Michael Endes »Unendliche Geschichte« erschien, gab es zwei Reaktionen. Die Leser_innen waren begeistert und machten das Buch zum Bestseller. Kritiker_innen äußerten sich dagegen skeptisch: Das Buch sei romantischer Eskapismus, nicht realistisch, nicht gesellschaftskritisch genug.

Jetzt, zum 40. Geburtstag des Titels, wird die Jubiläumsausgabe mit ihrer opulenten Ausstattung wohlwollend aufgenommen: Ein Jahr lang hat der Künstler Sebastian Meschenmoser nach Phantásien gesucht und Bastians Geschichte mit dem Drachen Fuchur illustriert. Ein schönes Geschenk- und Erinnerungsbuch für Leser_innen ab zehn, zum stolzen Preis von 35 Euro.

Was sagt das über den Buchmarkt? Wollen Kritiker_innen sich nicht die Zähne ausbeißen an dem internationalen Bestseller? Sind sie inzwischen einfach nur dankbar, wenn überhaupt Bücher gekauft oder sogar gelesen werden? Spielen gesellschaftskritische Kriterien keine Rolle mehr?

Jedenfalls liest man wohlwollende Geburtstagsgrüße, die als Literaturkritik verpackt, aber eher Anzeigen sind. Es scheint einfach nur schön zu sein, dass es dieses Buch gibt und einen Verlag, der sich das Schmuckstück leistet.

Ich vermisse auch nicht die Zeiten, als Kritiker_innen als Oberlehrer und Henker in Personalunion auftraten. Ich vermisse aber Reflexion. Was ist das Besondere an der Geschichte dieses Bestsellers? Wird das Buch heute noch gelesen, oder ist es ein nostalgisches Erinnerungsstück, das man sich ins Bücherregal stellt? Was sagen Kinder dazu – lesen sie den Schmöker überhaupt? Sollten sie das Buch lesen, in dem ein übergewichtiger Junge, der von allen gemobbt wird, sich in ein Buch und seine Fantasiewelt zurückzieht? Sollte man lieber abtauchen in Phantásien als in Facebook und Twitter?

 

Wenig märchenhaft

Samstag, 29. September 2019 Die Märchenbuch-Verschenkaktion von Amazon gemeinsam mit der Stiftung Lesen sorgte schon lange im Vorfeld für Zündstoff in der Buchbranche: Zum Weltkindertag am 20. September sollten eine Million Exemplare verschenkt werden. Buchhändler_innen waren sauer, weil Amazon für sie der Staatsfeind Nummer 1 ist und die Stiftung Lesen aus ihrer Sicht gerade nicht als Partner des Onlinehändlers auftreten sollte. Andere waren verärgert, weil sie sich von der Verschenkaktion ausgeschlossen fühlten: Beteiligt waren anfangs nur die Filialisten Thalia, Mayersche und Hugendubel.

Amazon ist eine besonders heftige Konkurrenz. Der Onlinehändler profitiert von der Lesekultur, die Buchhändler_innen mit viel Engagement aufbauen, trägt aber zugleich zu ihrer Zerstörung bei – natürlich sind Buchhändler_innen Amazon nicht wohlgesonnen. Muss man deshalb aber debattieren, ob der Börsenverein, die Interessengemeinschaft der Buchhandlungen, weiterhin Mitglied der Stiftung Lesen bleiben kann, weil sie sich für eine Aktion mit Amazon zusammengetan hat?

Inzwischen wurden die Bücher verschenkt: Es war einmal, Märchen der Brüder Grimm und einige neue Texte, unter anderem von Iny Lorentz, dem Autorenpaar, das hinter dem Bestseller Die Wanderhure steht. Am Ende konnten alle Buchhändler_innen an der Aktion teilnehmen, wenn sie sich bei Amazon registrierten. Entwürdigend fanden das die einen. Die anderen bestellten einfach die kostenlosen Bücher. Und tatsächlich: Einige Interessenten standen schon vor der Ladenöffnung draußen vor der Tür, um sich ihre Gratisexemplare zu sichern.

Natürlich war das eine Werbeaktion vor allem erst einmal für Amazon. Nachhaltige Leseförderung sieht anders aus, auch wenn eine Million Bücher unters Volk gestreut wurden. Es gibt gute Gründe, mit der Stiftung Lesen über diese Aktion zu streiten. Mit ihr brechen muss man deswegen nicht.

 

Sommer-Lektüren

20. August 2019 Wenig Zeit für Bücher – in den letzten Wochen reichte es nur für ein paar Krimis, die aber nicht halten, was die Verlage versprechen: großartig, atemberaubend, unvergesslich. Die Wohlfühlbücher fangen ein bisschen Atmosphäre einer Urlaubsregion ein, erzählen ein bisschen über die Gegend, reimen sich nebenbei einen Fall zusammen. Es gibt so viele, die schreiben, und immer weniger, die lesen – dafür wird erstaunlich viel austauschbare Stapelware gedruckt.

Ist sie wirklich ein probates Mittel gegen eines der großen Probleme der Branche: die rapide gesunkene Zahl der Leser_innen? Zwar haben sich die Umsatzzahlen für den Gesamtmarkt stabilisiert, dennoch: Die Buchbranche ist nicht im Aufwind, und insbesondere für die Indies – die Verlage und Buchhandlungen, die gerade nicht auf Stapelware setzen – bleibt es schwierig.

Jetzt ist der Sommer fast vorbei, die letzten Tage hatten beinahe schon eine herbstliche Anmutung. Als es so heiß war, habe ich endlich in das Buch Mein Jahr im Wasser hineingelesen: Ein Jahr lang schwamm die Kanadierin Jessica Lee jede Woche in einem anderen Berliner See, Krumme Lanke oder Karpfenteich, im Sommer wie im Winter, ließ das Wasser auf sich wirken, wollte Einsamkeit wegschwimmen, Traurigkeit, Fremdsein.

Jetzt lese ich Geblendet, den dritten Band von Andreas Pflügers Thriller-Reihe: ein außergewöhnliches Buch, keine schlichte Stapelware.

 

Spannende Statistik

18. Juni 2019 Wieder geht es um #frauenzählen: Die Studie hat sich längst bewährt. Einfach mal zu schauen, wie viele Bücher und Rezensionen von Frauen und von Männern veröffentlicht werden, wer wie viel Raum in der literarischen Welt bekommt, ist interessant. Nachdenkenswert ist auch, wer sich warum darüber aufregt.

Jetzt hat sich Mara Delius für die Welt zu Wort gemeldet. Schon wieder sei die Aufregung groß, referiert sie. »Zwölf zu eins: Der Rowohlt-Verlag druckt im Herbst mehr Bücher von Männern als von Frauen.« Zwölf Männer und eine Frau, die auch noch im 19. Jahrhundert lebte und unter männlichem Pseudonym, als George Eliot, schrieb.

Zwölf zu eins: Erst einmal sind das nur Zahlen. Interessant ist aber die Interpretation. »Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, ob es für den Herbst nicht mehr Bücher von Frauen gab, eine ganz einfache: Nein, gab es nicht«, so Delius. »Ein Verlagsprogramm ist kein Gleichstellungsbeauftragtenpapier.« Und: »Offenbar rumpeln in der Kritik einige Kategorien durcheinander: die Frage der literarischen Qualität wird überlagert von der Frage des Geschlechts.«

Frau könnte aber auch anders ansetzen: Vielleicht heißt zwölf zu eins, dass es doch gute Bücher von Frauen gab, man sie bei Rowohlt aber nicht sah. Dann wäre die Frage: Warum nicht? Und die alte, die nach wie vor spannende Frage: Was ist überhaupt gute Literatur? Wer legt die Kriterien fest? Warum denkt Delius über diese Fragen nicht einmal nach?

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article195296659/Im-Zweifel-fuer-die-Literatur.html

 

»Buch 1.0«

11. Juni 2019 Sibylle Berg ist immer gut für Spitzen und Provokationen – jetzt aber überrascht sie mit einer braven Entdeckung: wie wohltuend es ist, zum guten, alten Buch zu greifen, statt sich im Dauerstress der social media aufzureiben.

»Ich habe das Gefühl, irgendeinem seltsamen Versuch, der mit meinem Gehirn angestellt worden ist, entkommen zu sein. Ich bin wieder ruhig. Ich lese. Ich habe Hoffnung«, schreibt sie in ihrer Spiegel-Kolumne. Ganz im Sinn des bewegenden Spruchs, der schon vor einigen Jahren aufrütteln sollte: »Schock deine Eltern. Lies ein Buch.« Aber wenn schon: Altersweisheit kann auch schön sein.

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-lesen-die-flut-der-informationen-bringt-nur-aufregung-a-1270631.html#ref=rss

 

 

Düsseldorfer Literaturpreis

Dienstag, 4. Juni 2019 Düsseldorf ist nicht gerade eine Literaturstadt, aber einen renommierten, mit 20.000 Euro dotierten Preis gibt es doch. In diesem Jahr bekommt ihn Karen Duve für ihren Roman über Annette von Droste-Hülshoff: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Ein wunderbar geschriebener Roman, dennoch: Ein Gegenwarts-Buch wäre mir lieber gewesen, eines, das sich mit unseren Fragen befasst und nicht nur erzählt, wie unfair die Welt früher Frauen gegenüber war.

Jury-Mitglied Verena Auffermann begründet die Wahl so: „Karen Duve entwirft mit treffsicherem Witz und Sprachmacht das Portrait einer eigensinnigen jungen Frau, eingeschnürt in die Konventionen ihrer Zeit und Herkunft. Fräulein Nettes kurzer Sommer ist keine einfache Biografie. Karen Duve entwirft mit literarischer Intuition, historischem Wissen und Brillanz das lebensgeschichtliche Panorama eines künstlerischen und emanzipatorischen Alleingangs, der Annette von Droste-Hülshoff zur großen Dichterin ihrer Epoche werden ließ.“

Das ist für mich aber gerade die Frage, die Karen Duve offen lässt: Warum die Droste trotz der massiven Widerstände, die sie überwinden musste, Dichterin werden wollte und konnte.

Ich habe im Januar über diesen Roman geschrieben:
http://krimisophie.de/dichterin-trotz-allem/

 

Schreibende Promis

Freitag, 17. Mai 2019 Die Zahl der Leser_innen sinkt – und so scheint es Sinn zu machen, wenn Autor_innen ihre Fans mitbringen: Schauspielerinnen oder Sänger, die einfach mal ein Kinderbuch schreiben und die anderen, die echten Schriftsteller_innen damit zum Schäumen bringen. Denn, natürlich, ein gutes Buch verfasst sich nun mal nicht so nebenbei.

Krimis werden übrigens auch gern genommen, aber die schreibt schließlich jeder. Einzige erforderliche Qualifikation: Man hat schon mal ein paar Genretitel gelesen. Andererseits: Warum nicht? Auch Nobelpreisträger_innen haben irgendwann mal angefangen.

Das Phänomen tritt aber gerade gehäuft auf, beschwert sich Jan Wiele in der FAZ: Axel Milberg, Ulrich Tukur, Matthias Brandt spielen bei Jugendbüchern mit. „Habt ihr denn nichts anderes?“, fragt Wiele die Programmmacherinnen und Lektoren – und man sucht weiter nach noch mehr Schauspielern. Doch der Kritiker nennt nur Namen, die das Potential haben, in die Riege schreibender Promis aufgenommen zu werden.

Wirklich spannend ist aber die Frage, die zwischen den Zeilen mitläuft, die gleichsam ewige Frage: Was ist das – ein gutes Buch?

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/spitzentitel-der-verlage-romanschreibende-schauspieler-16187117.html?m

 

Schriftstellerinnen…

Donnerstag, 25. April 2019 Natürlich, Frauen können längst auch Öffentlichkeit: Sibylle Bergs GRM. Brainfuck verkauft sich, als ob es keine Krise des Buchs gibt – und als ob Frauen selbstverständlich denken und schreiben können.

 

Queer, trans, bunt

Als Anne Holt Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Krimi-Reihe um Hanne Wilhelmsen anfing, war das noch Neuland: eine lesbische Krimi-Heldin und eine Autorin, die ebenfalls lesbisch ist und auch noch norwegische Justizministerin war. 15 Jahre später ist Schluss, der zehnte Band soll der letzte um Hanne Wilhelmsen sein – und, Fans mögen mir das verzeihen, das ist gut so. In Staub und Asche ist routiniert geschrieben, um nicht zu sagen: uninspiriert. Zudem hat sich die (westliche) Welt verändert, lesbische Beziehungen sind selbstverständlicher geworden.

Trans und bunt sind mehr up to date – das sind Themen, die Christine Lehmann aufgreift, zuletzt in einem Krimi, der am achten März spielt, am Internationalen Frauentag: Die zweite Welt. Lehmanns Heldin Lisa Nerz ist in ihrer sexuellen Orientierung nicht festgelegt, hier wird der geneigten Leserin also reichlich Offenheit vorgelebt. Zudem liegt es nahe, in ihrem neuen Fall die Bedeutung des Kopftuchs zu diskutieren, weil Nerz eine junge Muslimin im Schlepptau hat, die nicht nur schlau ist, sondern auch – Achtung: Mädchen und Informatik! – mit Computern umgehen kann.

Pluspunkt des Bandes ist, dass die Autorin sich mit Feminismus auseinandersetzt und mit seinen aktuellen Gegnern, mit Rechtspopulisten und Islamisten. Dennoch muss frau schon recht tapfer sein, um Die zweite Welt zu lesen. Der Krimi-Anteil ist fast nur noch der Rahmen, der Lehmann die Möglichkeit gibt, ihre Themen zur Sprache zu bringen. Das Buch ist zwar engagiert und klug, auch witzig, die Autorin sendet aber so gar nicht subtil ihre gesellschaftlichen Botschaften. Ihr Krimi ist eindeutig nicht für jedermann, sondern für Mitstreiterinnen und Fans, oder genauer: für Faninnen.

Nicht nur Krimis greifen gesellschaftliche Veränderungen auf oder stoßen sie an. Wie bunt die Welt geworden ist, sprach die 3sat-Sendung Kulturzeit einem Schwerpunktprogramm an: Das andere Geschlecht – und machte darauf aufmerksam, dass es Bücher zu den vielfältigen Formen sexueller Identität insbesondere für junge Leser_innen gibt:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=80243

Was ich gerade lese? Keine leichte Kost, aber sehr interessant – das neue Buch der Historikerin Miriam Gebhardt: Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden.

Wie soll ein Krimi sein?

In Interviews habe ich das schon so oft gehört: Krimis sollen unterhalten – einige Autor_innen betonen das geradezu gebetsmühlenartig. Mancher Krimi bietet ja auch nicht viel mehr als Spannung, und die Leser_innen sollen sich nicht daran stören, dass sie durch Gewalt hergestellt wird.

Von diesen Titeln, über die es sich nicht nachzudenken lohnt, gibt es jede Menge. Wenn man aber von ihnen absieht: Kann (oder sollte?) es nicht irritieren, gerade bei Büchern, in denen es um Verbrechen, Gewalt und Tod geht, von Unterhaltungsliteratur zu sprechen?

Nein: Es macht keinen Sinn, Büchern vorzuschreiben, wie sie sein sollten. Und doch: Ich bleibe immer mal wieder am Begriff »Unterhaltung« hängen. Jetzt wieder bei Robert Galbraith: beim dritten Band mit dem wenig originellen Titel Die Ernte des Bösen.

Eigentlich lese ich seine – oder genauer: ihre (hinter dem männlichen Pseudonym steckt Harry Potter-Autorin J. K. Rowling) – Krimis gern, es sind konventionelle, aber gut gemachte Detektivgeschichten. Im dritten Band allerdings sind sexuelle Gewalt und Prostitution zentrale Themen, man ist nah dran am Leid von Opfern, das längst nicht vorbei ist, und ebenfalls nah dabei, wenn Frauen überfallen, erstochen, verstümmelt werden.

Klar: Man sollte sich bei dem blutrünstigen Genre nicht so anstellen. Dennoch ist mir das zu viel. Ein Rätsel lösen, das durch den (bereits erfolgten) Tod seine Dringlichkeit und Bedeutung bekommt, ist etwas anderes, als Romanfiguren zuzusehen, wie sie psychisch und physisch vernichtet werden.

Ganz anders ist meine aktuelle Lektüre: Bluebird, Bluebird, ein beeindruckender, auf eine stille Art fesselnder Krimi über Rassismus in Texas, der weitgehend ohne Gewaltdarstellungen auskommt.

Buchmarkt: Leipzig liest und Thomas Gottschalk manchmal auch

Dienstag, 26. März 2019 Leipzig hat wieder für beeindruckende Zahlen gesorgt: Rund 286.000 Besucher_innen kamen zur Buchmesse und zum Lesefest Leipzig liest. Im Börsenblatt zieht dann auch Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, wie der Chef nach wie vor altmodisch heißt, eine positive Bilanz: »Die Buchbranche zeigte sich auf der Leipziger Buchmesse in Aufbruchsstimmung. Verlage und Buchhandlungen gehen selbstbewusst neue Wege, um das Buch wieder stärker in den Alltag der Menschen zu bringen.«

Ist also alles bestens, liest Deutschland wieder oder immer noch? Ja und nein – auch Riethmüller deutet die komplexe Gemengelage ja an. Auf der Plusseite sind: ein ausdifferenzierter Buchmarkt, eine vielseitige Verlagslandschaft und engagierte Buchhändler_innen; die wichtige Buchpreisbindung; eine Fülle von Lese-Events und Preise für Autor_innen, Buchhändler_innen und jetzt auch für Verlage – Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist sich der Bedeutung der Branche bewusst und fördert sie. Der Wermutstropfen ist nur, dass es zwar immer mehr Autor_innen gibt, aber immer weniger Leser_innen und Buchkäufer_innen.

Lesen kann man nicht verordnen, man kann nur dafür werben: mit interessanten und spannenden Büchern ebenso wie mit Veranstaltungen. Ob die neue Bücher-Show von Thomas Gottschalk hier weiterhilft, ist zweifelhaft. Aber sie schadet sicherlich nicht – zumal der Bayerische Rundfunk klugerweise hinter den Namen der Fernsehsendung ein Fragezeichen setzt: Gottschalk liest?

Was aber fehlt, ist – trotz all der Events, Preise, trotz des vielseitigen Engagements – ein weit verbreitetes Bewusstsein für die Bedeutung der Lesekultur, auch wenn das in Deutschland, verglichen mit vielen anderen Ländern, ein Klagen auf hohem Niveau ist. Handlungsbedarf gibt es dennoch: Es geht darum, den Wert, die Bedeutung von Inhalten, Sprache, Kunst, von Konzentrationsfähigkeit und Differenzierungsvermögen zu vermitteln.

Was ich heute lese? Der Krimi Bluebird, Bluebird wartet auf mich – ich bin sehr gespannt.

Lesen und Reisen

Mittwoch, 20. März 2019 Ein paar Tage war ich in der Schweiz und habe oft an einen Interviewpartner gedacht, mit dem ich für das Börsenblatt telefoniert habe. Er führt eine Buchhandlung in Schaffhausen, klang sehr sympathisch – und ich finde es faszinierend, wie er beides verbindet: Lesen und Reisen.

Schon in den 1980er Jahren war er unterwegs, fuhr zwei Jahre mit dem Rad durch Südamerika, kehrte zurück in die Schweiz, übernahm die Buchhandlung Bücherfass (https://buecherfass.ch/wp/), reiste aber immer noch viel, als ob sein Name Programm ist: Georg Freivogel.

Seit 2003 nimmt er kleine Gruppen mit nach Zentralasien oder Südamerika, reitet mit ihnen durch Kirgisien, ist in Tibet unterwegs oder in Patagonien. Es sind besondere, ruhige Reisen, bei denen es um das geht, was auch Literatur vermag: dem Fremden, dem anderen begegnen. Schon die Website für Freivogels Reisen weckt Fernweh: https://tianshan-tours.ch/.

Er liebt es, seine Begleiter auf Bücher hinzuweisen, die ihren Weg kreuzen. Kim von Dschungelbuch-Autor Rudyard Kipling ist einer dieser Tipps: die Geschichte über den indischen Waisenjungen Kim, der sich vom britischen Geheimdienst anwerben lässt und einen Mönch aus Tibet trifft – indisch-tibetisches Abenteuer, Geheimdienstthriller, Fernwehlektüre.

Endlich wieder Lesezeit

Montag, 18. März 2019 Zum Abschalten lese ich Robert Galbraiths Krimis – in verquerer Reihenfolge: Nach dem vierten habe ich den ersten Band aus dem Regal gezogen, bin eingetaucht in die Detektivgeschichte. Das ist richtig gute Unterhaltungsliteratur, hebt sich ab von der Stapelware, die in großer Zahl auf den Taschenbuchmarkt geworfen wird.

Bestsellerplatzierungen müssen nichts Schlechtes über ein Buch sagen, das zeigt Ferdinand von Schirachs Kaffee und Zigaretten, so scheinen es die ersten Seiten nahezulegen, die ich heute Morgen gelesen habe. Wieder sind es kurze Texte, verdichtet, melancholisch. Ich bin gespannt auf mehr.

Der Krieg im Jemen

Mittwoch, 13. März 2019 Ein Gespräch hat meinen Alltagswahnsinn, all das, wovon ich mich oft in Beschlag nehmen lasse, einfach relativiert. Mein Gegenüber war Tariq: Er konnte an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg mit einem DAAD-Stipendium studieren und ist jetzt wieder zurück im Jemen. Sein Thema ist eigentlich Bildungsmanagement. Aktuell arbeitet er aber für Handicap International, eine Organisation, die sich um Menschen mit Behinderungen und um Kriegsopfer kümmert.

Über Bücher haben wir nicht gesprochen: In dem Interview ging es um sein Studium, um die Schwierigkeiten, Visa zu bekommen – die deutsche Botschaft in Sanaa war geschlossen – und die Rückkehr in den Jemen. Tariq würde gern mit dazu beitragen, das Bildungssystem wieder aufzubauen. Aber erst einmal geht es ums Überleben: Im Jemen herrscht nach wie vor die größte humanitäre Krise, die von Menschen verursacht wurde.

Es ist jedes Mal so: Eine persönliche Begegnung, selbst über hunderte Kilometer hinweg, gibt Fernsehbildern eine andere Bedeutung, lässt Gewalt und Not realer werden – und zeigt das Schlaraffenland Deutschland: friedlich, wohlhabend, ausgestattet mit einem unglaublichen Bücherschatz.

Mein aktuelles Luxusproblem: Ich finde nur wenig Zeit zum Lesen.

Krimis nach den Zauberwelten

Montag, 11. März 2019 Ihre Leidenschaft finde ich beeindruckend: J.K. Rowling müsste nach Harry Potter nicht mehr eine Zeile schreiben, liebt es aber offensichtlich, in ihre Figuren und deren Lebenswelten einzutauchen. Mehr noch: Unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt sie einen Schmöker nach dem anderen.

Inzwischen ist der vierte Band ihrer Krimi-Reihe um Cormoran Strike erschienen. Er beginnt mit einer Hochzeit: Robin, die Mitarbeiterin des Londoner Privatdetektivs, sagt ja, obwohl geneigte Leser_innen seit hunderten Seiten wissen, dass es mit ihr und ihrer Jugendliebe nicht gut gehen wird. Da muss man durch – und trifft dann auf ein konventionelles, aber spannendes Krimi-Rätsel mit amüsanten Seitenhieben auf die britische Oberschicht.

Das lässt sich einfach so wegschmökern: ein gutes Gegenmittel zu komplizierten Textarbeiten.

Streit um Stella

Samstag, 9. März 2019 Die Buchbranche debattiert: ob Kritiker_innen zu Recht wenig Gutes an Takis Würgers Roman Stella lassen; ob Buchhändler_innen nicht doch besser wissen, was gute Literatur ist; ob sie diesen Titel boykottieren sollen oder empfehlen dürfen; was es über ein Buch sagt oder über die Branche, wenn es weit oben auf der Bestsellerliste ist, obwohl die Kritiker_innen es nicht mögen…

Und dann gibt es noch die Frage, was ein Roman darf und was nicht. Darf ein Romanautor über diesen historischen Fall schreiben: über Stella Goldschlag, die Tochter von Juden, die selbst Juden an die Gestapo verriet? Darf man, darf Takis Würger ihr Leben als Kitsch – so sehen es seine Kritiker – erzählen?

Das ist gerade der interessante Teil an der Stella-Debatte: über die Qualität des Buchs und seine Bedeutung zu streiten, sei es von Handels- oder von Feuilleton-Seite. Der Rest ist nur eine Rangelei darum, wer die Deutungshoheit in der Branche hat: ob Buchhändler mehr zu sagen haben, weil sie nah an den Kunden sind, oder Kritiker, die sich, jedenfalls in der Theorie, lieber mit literarischer Qualität statt mit Verkäuflichkeit befassen. Diesen alten Streit kann man sich gern auch schenken.

Was ich heute lese? Nicht Stella, sondern Robert Galbraiths Weißer Tod (hinter dem Pseudonym steckt Harry Potter-Autorin J.K. Rowling): leichte Krimi-Kost. Mehr passt heute leider nicht in meinen Kopf.

Frauentag

Freitag, 8. März 2019 Der internationale Frauentag ist nicht mehr uncool, vielmehr sind irgendwie alle dabei. Jedenfalls die Werber_innen: Sie reihen den Frauentag nahtlos in den Valentins- und den Muttertag ein. Geschenke werden gern genommen, und so kann man dem, worum es eigentlich geht, wunderbar den Stachel nehmen. Rosa Kinderzimmer statt Schluss mit den äußerst anstrengenden Beruf- und Kita-Balance-Akten. Rosen statt Schluss mit sexueller Gewalt.

Mittel gegen die Weichspül-Mutti-Schönheits-Welten gibt es längst – und der internationale Frauentag ist ein Anlass, sich an die guten Nachrichten zu erinnern: Es hat sich viel getan in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg – in der westlichen Welt.

Der internationale Frauentag sollte auch Anlass sein, an die zu denken, die kein selbstbestimmtes Leben führen dürfen: Mädchen und Frauen in Afghanistan oder in Saudi Arabien. Mädchen, deren Körper und Seelen beschnitten werden. Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden.

Was ich heute lese? Gun Love: ein bemerkenswerter Roman über prekäre Kindheiten und Waffengewalt. Geschrieben von einer bemerkenswerten Autorin: Jennifer Clement.