Kriegsverbrechen

Der Roman ist ein Riesenbrocken: 750 Seiten harter Stoff, die heftig kritisiert werden. Sie sind aber gefüllt mit Geschichten, die es zu lesen lohnt.

Für ihren letzten Roman Das achte Leben wurde Nino Haratischwili hochgelobt, für Die Katze und der General gibt es dagegen harsche Kritik. Es ist viel dabei: Das Buch ist oberflächlich, heißt es, schlecht geschrieben, das Lektorat nicht gut genug… Fast schon überraschend war es, dass die Juroren des Deutschen Buchpreises das anders sahen: Die Katze und der General schaffte es bis auf die Shortlist – »Großes Kino!« war das Fazit. So habe ich den Roman auch gelesen: fesselnd, drängend, voller Geschichten.

In ihrem neuen Roman führt Nino Haratischwili Figuren zusammen, die fast alle aus Osteuropa stammen, aus Russland, Tschetschenien, Georgien, erzählt, wie ihr Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion war, wie sie versuchten, sich in dem Chaos zurechtzufinden, irgendwie über die Runden zu kommen oder sogar ein Vermögen zusammenzuraffen. Sie erzählt von Konflikten, vom Krieg in Tschetschenien vor allem, und davon, dass auch die, die Kriege überlebten, nicht wirklich zurückkehrten, dass auch sie ihr Leben, ihre Seele in der Barbarei verloren.

 

Lebenssplitter

Mit Nura beginnt der Roman nicht nur, sie bleibt auch sein Angelpunkt: eine 17-jährige Tschetschenin, die 1995 davon träumt, die archaische Enge ihres Dorfs zu verlassen. Für Alexander Orlow wird sie eine entscheidenden Rolle spielen: ein Russe, der sich anderes wünscht, schließlich aber dem Drängen seiner Mutter nachgibt und zum Militär geht, um in die Fußspuren seines toten Vaters, eines Kriegshelden, zu treten. Orlow muss an die Front, überlebt die Kämpfe in Grosny, kommt mit seiner Einheit in Nuras Dorf, erhält dort den Spitznamen »General«, später wird er zu einem der märchenhaft reichen Oligarchen.

Die zweite Titelfigur neben ihm, die »Katze«, ist eine junge Schauspielerin, die wie die Autorin aus Georgien stammt. Der Vater der »Katze« gehörte zu denen, die zwar einen Krieg überlebten, von denen aber nur eine Hülle zurückkehrte. Seine Frau konnte ihn, den Alkohol, die Depression, das Kriegstrauma, irgendwann nicht mehr ertragen, trennte sich von ihm, ging nach Berlin, holte die beiden Töchter nach. Inzwischen ist die »Katze« angekommen in Deutschland, irgendwie aber auch nicht.

Es ist vor allem ihre Lebensgeschichte und die des »Generals«, die Haratischwili erzählt – wobei ein Kriegsverbrechen im Zentrum steht: die Vergewaltigung und Ermordung Nuras durch russische Soldaten. Alexander Orlow war dabei, der spätere »General«. Er wollte das Verbrechen nicht, nahm aber daran teil.

 

Wozu noch Gerechtigkeit?

Dieses Verbrechen schildert Haratischwili in der Mitte ihres Romans. Die erste Hälfte steuert darauf zu, die zweite erzählt von den Folgen, erzählt davon, dass Orlow sich und die anderen anzeigte, Sühne und Gerechtigkeit suchte, aber nicht fand: Der Anwalt, der die tote Nura vertreten sollte, wurde erschossen, der Prozess brach ab, die Schuldigen kamen frei.

Dass sie tatsächlich nicht frei sind, sondern gefangen in sich selbst, Orlow vor allem, davon spricht dieser Roman. Orlow hat zwar ein Vermögen gemacht, hat auch keine Skrupel, über Leichen zu gehen, bleibt aber eingesponnen in die Schuld Nura gegenüber, sucht jetzt auf eigene Faust Gerechtigkeit außerhalb von Gerichten. Gerechtigkeit, die keinen Sinn zu machen scheint, weil nicht nur Nura tot ist, sondern auch die Frau und die Tochter des »Generals« – letztlich haben sie für seine Schuld gezahlt.

 

Wie frei ist man in seinen Entscheidungen?

Der Roman verwebt in Rückblenden Gegenwart und Vergangenheit, erzählt, wie die Figuren mit sich und ihrem Leben umgehen, was sie treibt, Entscheidungen zu treffen, die sie eigentlich nicht wollen, wie schwer es ist – oder unmöglich –, die Grenzen des eigenen Ichs auch nur ein wenig zu verschieben. Und er spricht von Barbarei, Gewalt, Verbrechen, Krieg, erinnert daran, dass es ein Glücksfall ist, in einem Rechtsstaat zu leben, dass es gilt, ihn zu wahren, zu verteidigen.

Am Ende scheitert der Roman, wenn der »General« seine Pläne zu realisieren versucht, diejenigen, die an Nura schuldig geworden sind, zur Rechenschaft zu ziehen. Die Geschichte verliert an Intensität, wirkt konstruiert, erzwungen. Dennoch: Mich hat sie trotz ihrer Schwächen über weite Strecken gefesselt, ich finde sie lesens- und nachdenkenswert.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General. August 2018, Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro

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