Kriegsfolgen

Schwerer, aber wichtiger Lesestoff: Soldaten aller Siegermächte haben vergewaltigt – über dieses lang gehütete Tabu schrieb Miriam Gebhardt 2015. Jetzt hat sie mit Kindern der Opfer gesprochen.

Das Buch der Historikerin spricht mich auch deshalb besonders an, weil ich durch die eigene Familiengeschichte mit dem vertraut bin, worüber sie schreibt. Meine Großmutter hat von den Gräueltaten der Russen erzählt, Vergewaltigungen, aufgeschlitzte Bäuche, Panik, die dauernde Suche nach Verstecken. Immer wieder hat sie das zur Sprache gebracht. Damals, in den 1970er Jahren, war es eigentlich tabu, darüber zu sprechen. Meine Großmutter redete auch nur auf mich ein, hinter verschlossenen Türen, betonte zudem, dass sie persönlich nicht betroffen gewesen sei. Und immer fügte sie wie ein Mantra hinzu, dass die Wehrmacht „sauber“ geblieben sei.

Was meine Großmutter selbst tatsächlich erlebt hat, habe ich nie erfahren. Dafür aber, dass die Wehrmacht nicht „sauber“ geblieben ist. Ebenso haben Soldaten aller Siegermächte vergewaltigt, nicht nur die Russen. Miriam Gebhardt schätzt, dass 900.000 Frauen betroffen waren.

 

Das Weiterwirken der Gewalt

Über dieses Thema hat sie bereits geschrieben: Als die Soldaten kamen – ein Buch, das 2015 viel Aufmerksamkeit erhielt. Jetzt hat die Historikerin mit Kindern von Opfern gesprochen. Einige von ihnen wurden durch die Vergewaltigungen schwanger – aber auch die Kinder, deren Väter nicht die Gewalttäter waren, mussten mit den Traumata der Mütter leben, die nicht nur Furchtbares durchgemacht hatten, sondern oft auch stigmatisiert wurden, ausgegrenzt, allein gelassen.

Die Frauen blieben in einem psychischen Ausnahmezustand, mussten ums seelische Überleben kämpfen, viele Kinder wuchsen ohne Wärme und Zuwendung auf. Oft wurden sie auch mit den Müttern stigmatisiert, ohne den Grund dafür zu kennen. Gebhardt thematisiert selbst, dass inzwischen inflationär von Traumata gesprochen wird. Dennoch könne man in diesem Zusammenhang mit guten Gründen von schweren Traumatisierungen sprechen, ebenso davon, dass sie an viele Kinder und Enkel übertragen wurden und bis heute wirken.

 

Trauma-Kontexte

Das Besondere an Gebhardts Buch ist ihre Mischung aus Geschichte und Psychologie. Sie geht behutsam mit den Kindern der Gewalt um, scheint tatsächlich zu verstehen, was die Traumata für die Frauen und ihre Nachkommen bedeuten. Gleichzeitig gibt sie den Kontext dazu: die Tabus der Nachkriegsjahrzehnte, die Sexualmoral der Wirtschaftswunderzeit, die damalige Erziehungsideologie, die von Nazi-Ansichten geprägt war und weit entfernt von dem, was Psycholog_innen heute über Kinder wissen.

Wir Kinder der Gewalt erzählt ein wichtiges Kapitel der Nachkriegsgeschichte, ohne deutsche Schuld zu relativieren. Das Buch zeigt, wie Vergangenheit in die Gegenwart wirkt, wie sie die Nachgeborenen prägt. Zudem erzählt es zeitlose Geschichte: Grausamkeit, sexualisierte Gewalt, die nicht nur, aber vor allem Frauen und Kinder erleiden, in vielen (Kriegs-) Regionen der Welt – und verweist so auch auf die Opfer, die heute im (europäischen) Exil Hilfe suchen.

Ob die Ängste zum Beispiel nach den Übergriffen der Silvesternacht 2016 in Köln tatsächlich unter anderem auch auf Vergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgehen, ist eine Interpretation Miriam Gebhardts. Die Langzeitfolgen solcher Erfahrungen sind aber auf jeden Fall nachdenkenswert.

Miriam Gebhardt: Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden. April 2019, DVA, 24 Euro, 304 Euro

 

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