Ausnahme-Buch

Summa cum laude gab es für eine unkonventionelle Dissertation – und das darauf beruhende Buch fand auch außerhalb der Universitäten großen Widerhall. Jetzt wird der Klassiker der Gewaltforschung neu aufgelegt.

In meinem Bücherregal steht eine 20 Jahre alte Taschenbuchausgabe: Kleine Schrift, eng bedruckt, dennoch 1.200 Seiten. 1977 war das außergewöhnliche Buch erstmals erschienen: die Untersuchung der sexuellen, psychologischen und soziopolitischen Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. Damals würdigte Rudolf Augstein das Buch »als vielleicht die aufregendste deutschsprachige Publikation des Jahres«, »ein vermischendes, entgrenztes, ein verschwenderisch überfließendes Diagnostizieren der männerrechtlichen Eroberungskultur«.

Acht Seiten im Spiegel über eine Dissertation. Heute, im Zeitalter der schnellen Tweets und Likes, klingt das nach einem Märchen – und bleibt eine faszinierende Geschichte. Ein feministisches Werk, geschrieben und kommentiert von Männern, während Alice Schwarzer niemals ein Wort über das Buch verloren hat, sagt Klaus Theweleit im FAZ-Interview. Ein Autor, der seine Dissertation in Elternzeit schrieb und offen zugab, dass nicht nur er persönlich, sondern dass auch die Schrift seiner Frau Monika Kubale sehr viel verdankt.

 

Anknüpfen an die Gegenwart

Für mich sind die Männerphantasien eines der wichtigsten Werke geblieben, dieses Buch über Bilder von der alles verschlingenden Frau; und von den männlichen Gegenbildern: der harte Mann, eingegossen in die festen Blocks des Militärs, der Nation, der »Rassegemeinschaft«. Der Versuch, Nazi-Gewalt und Grausamkeit zu verstehen – und den Nachhall in den Nachkriegsfamilien. Autoritäre, prügelnde, rechthaberische Väter. Mütter, die im besten Fall versuchten, zu beschwichtigen.

Dennoch: Männerphantasien ist ein Buch der 1970er Jahre. Wer wird die Neuauflage kaufen? Wer macht sich heute die Mühe, eine 1.200 Seiten starke, 40 Jahre alte Dissertation zu lesen? Kann das Nachwort den Impuls setzen, mit dem Klaus Theweleit den Bezug seines Werks zur Gegenwart sucht – die aktuelle Sehnsucht nach Führern, autoritären Strukturen, nach einer Heimat, in der wieder alles ausgemerzt werden soll, was nicht gefällt?

Es wäre eine gute Nachricht, wenn Matthes & Seitz mit der Neuauflage erfolgreich ist, die Ende Oktober erscheinen soll. Eine gute Nachricht ist es jetzt schon, dass das Buch wieder verfügbar sein wird.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. 31. Oktober 2019, Matthes & Seitz, 1.200 Seiten, 38 Euro

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