Kind im Schatten

Ein wunderbares Memoir: über die berühmten Eltern; die Familie, die sie nie waren; die ewige Sehnsucht nach dem Vater, nach Ingmar Bergman – und die Mühe, »ich« zu werden.

Eigentlich wollte Linn Ullmann ein Buch über den berühmten Vater schreiben: Ingmar Bergman, den Filmemacher, den alle kannten. Nur für die Tochter blieb er unerreichbar, selbst wenn sie bei ihm war, mit ihm sprach, mit ihm Filme schaute. 48 war er, als Linn Ullmann geboren wurde: das jüngste seiner neun Kinder aus sechs Beziehungen.

Schon bald nach ihrer Geburt noch in den sechziger Jahren trennten sich die Eltern. Der Vater blieb in seinem Haus in der schwedischen Einsamkeit, wo er in Ruhe arbeiten konnte. Die Schauspielerin-Mutter – Liv Ulllmann – lebte in Oslo und in den USA, ließ die Tochter bei der Großmutter zurück oder nahm sie mit über den Atlantik, parkte sie in einem Haus im ländlichen Amerika mit Kindermädchen, wohnte selbst in New York.

 

Der berühmte Vater: Filmemacher

Sechs Tonaufnahmen sollten die Grundlage für das Buch bilden: Gespräche mit dem Vater, die Linn Ullmann kurz vor seinem Tod aufgezeichnet hat. Damals war er Ende 80, erkannte sie manchmal nicht mehr, wirkte verwirrt.

In ihr Buch, das sie selbst einen Roman nennt, hat die Tochter Transkripte der Gespräche aufgenommen. Zudem erinnert sie sich: an die Sommer, die sie mit dem Vater verbrachte und mit Ingrid, der Frau, mit der er seinen Lebensabend verbringen wollte, die aber etliche Jahre vor ihm starb. Sie erinnert sich an den Sonnenkönig-Vater, um den sich alles drehte. Oder sie erinnert sich an den Vater, der im Auto mit seinem zwölfjährigen Sohn die Frauen, denen sie unterwegs begegneten, Noten gab: Sie bewerteten, wie attraktiv und sexy sie waren, während die jüngste Tochter auf der Rückbank erst ahnte, was sie hörte – wie Mädchen sozialisiert werden und wie Jungen.

 

Die berühmte Mutter: Schauspielerin-Star

Die Unruhigen ist ein Buch auch über die Mutter geworden. Alleinerziehend: ein Makel in den 60er, 70er Jahren, betont Linn Ullmann immer wieder, ein Makel, an dem weder Berühmtheit noch Schönheit etwas ändern konnten. Dem Vater haftete nichts davon an, nur der Mutter und dem Kind, dem »Bastard«, der immer wütender wurde: weil das Mädchen sich allein fühlte, weil die Eltern selbst wie Kinder waren, einfach nur frei sein wollten, ihr Leben leben, weil sie keine Ahnung hatten und sich nicht dafür interessierten, was das Kind brauchte, das sie in die Welt gesetzt hatten.

Der Vater blieb der Sehnsuchtspunkt für Linn Ullmann, die Wut lebte sie an der Mutter aus. Die Tochter wurde hysterisch, so erzählt es die Autorin, zickig, vergraulte Kindermädchen, während die Nerven der Mutter mehr und mehr zerknitterten.

 

Die Tochter: Nebendarstellerin

Es ist ein Buch über die Familie geworden, die Linn Ullmann wollte, die sie drei aber nie waren. Über eine Mutter, die sich mit dem einen Buch quälte, das sie sich abringen konnte. Über einen Vater, der immer geschrieben hat. Über eine Tochter, die längst eine der erfolgreichsten norwegischen Schriftstellerinnen geworden ist. Wegen ihrer Eltern. Ihnen zum Trotz. Ein Buch darüber, wie viel Mühe die Tochter hat, neben den großen Egos im Schatten zu sein und doch sie selbst zu werden.

Vielleicht hat sie sich mit diesem Buch ein wenig freigeschrieben, in dem sie sich selbst nachgeht: ehrlich, so scheint es, schonungslos mit sich und der Mutter, vorsichtiger mit dem Vater. Abwechselnd zwischen den Tonbandaufzeichnungen und ihren Erinnerungen. Eine schwebende Suche, ein wunderbares Memoir.

Linn Ullmann: Die Unruhigen. Übersetzt von Paul Berf. Juni 2018, Luchterhand, 416 Seiten, 22 Euro

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