Schottischer Querkopf

Bei Nummer 22 liegt es nahe: Ian Rankins neuer Band ist keine Krimi-Offenbarung, sondern ein Fall für Fans. Wer etwas Ruhiges für einen entspannten Abend mit schottischem Whisky sucht, mag aber getrost zugreifen.

Am Ende des neuen Krimis bekommt sie doch noch eine Szene: die Oxford Bar, die schlichte Kneipe in einer Seitenstraße Edinburghs, in der Ian Rankin seinen Helden John Rebus etliche Abende verbringen lässt. Die Bar ist längst Kult, Fans schicken dorthin ihre Post, die zuverlässig weitergereicht wird, und wenn man Glück hat, ist auch der Autor dort. Viel Brimborium wird allerdings nicht um ihn gemacht, man ist schließlich nicht im überkandidelten London, sondern im bodenständigen Schottland.

In Band 22 ist John Rebus längst pensioniert, gesundheitlich angeschlagen und hat inzwischen einen Hund. Loslassen kann der ehemalige Polizist aber nicht, mischt sich auch jetzt wieder in den Fall ein, den seine frühere Partnerin DI Siobhan Clarke zu lösen hat.

Wer Action oder Gemetzel sucht, war schon immer bei Rankin an der falschen Adresse. Seine Polizei-Krimis sind ruhige Fälle, geschrieben mit langem Atem, belebt werden sie von schottischen Querköpfen wie Rebus, der sich von niemandem etwas sagen lässt, sondern seine eigenen Wege geht. Die Rebus-Fälle hatten aber meist interessanten Stoff zu bieten, der neue Band ist allerdings gerade nur noch etwas wie ein Standard-Fall.

 

Gut gegen Stress

Ein Haus voller Lügen dreht sich um einen Privatdetektiv, der vor mehr als zehn Jahren verschwand, jetzt finden Kinder seine Leiche im Wald. Die Ermittler entlarven am Ende natürlich den Mörder, fördern aber sonst nicht viel zutage. Auch ein zweiter Fall, um den Rebus sich kümmert, bleibt an der Oberfläche: Er soll herausfinden, ob ein Jugendlicher, der bereits verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt, tatsächlich seine Freundin erstochen hat.

Es ist ein harmloser Krimi, Standardware. Man kann aber gut mit ihm wegtauchen, wenn man den robusten Humor mag, den sich Rankins Personal um die Ohren haut. Der neue Band ist keine literarisch-kriminelle Offenbarung, aber gut für einen Leseabend mit schottischem Whisky – und der nächste Band erzählt dann vielleicht vom Königreich nach dem Brexit oder von einem unabhängigen Schottland.

Ian Rankin: Ein Haus voller Lügen. Übersetzt von Conny Lösch. Oktober 2019, Goldmann, 512 Seiten, 22 Euro

 

 

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