Leise, poetisch

Ein Buch-Aufkleber macht auf das aufmerksam, was man sonst leicht übersehen könnte: Achtung – hier schreibt eine Bestsellerautorin. Der schmale Band ist tatsächlich aber sehr weit weg von jeder Art Mainstream.

Weiß ist die Farbe der Trauer in Han Kangs koreanischem Heimtatland, und im ersten Moment glaubt man, dass der schmale Band ihrer toten Schwester gewidmet ist: Der Erstgeborenen, der nur zwei Stunden Leben vergönnt waren. Die Autorin ist allerdings nicht die Zwillingsschwester, was eine besondere Nähe erklären könnte – sie wurde ein paar Jahre später geboren, ist der Älteren nicht begegnet. Kann man aber um jemanden trauern, den man nicht kennengelernt hat? Oder anders: Wie trauert man?

Han Kang tut es mit kurzen Abschnitten über die Farbe Weiß. Schneeflocken. Zucker. Reis. Schaumkronen. Die verschrammte Eingangstür einer Wohnung, in die sie sich verkrochen hat.

 

Präsenz der Toten

Der erste Eindruck stimmt und stimmt doch nicht: Sie trauert um die tote Schwester, vor allem aber trauert sie um das eigene Leben. Indirekt, zwischen den Zeilen verleiht sie dem Gefühl Ausdruck, der Ersatz für die andere zu sein, es nicht verdient zu haben, dass sie lebt. Findet Worte dafür, dass sie in ihrem Kopf mit der Schwestern verwoben ist.

In den kurzen Texten dieses Bandes gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Mutter der Tochter eingeredet hat, nur ein Ersatz zu sein. Vermutlich war sie aber schwer gezeichnet von der ersten Geburt und hat so oft darüber gesprochen, dass die überlebende Tochter dem nicht ausweichen konnte. Die Mutter war erst 22, die Wehen setzten viel zu früh ein, niemand war da, es gab kein Telefon, das Haus lag abgelegen. Sie war allein, als ihr erstes Kind zur Welt kam und kurz danach starb.

 

Raum für Stille

Vermutlich wollte die Mutter es nicht, gab aber ihr Trauma, gab ihre Trauer an das nächste Mädchen weiter, und Han Kang sah sich von Anfang an mit dem Tod konfrontiert. Mit einer Traurigkeit, deren Grund sie inzwischen versteht, aber nicht beheben kann.

Sie weicht ihr nicht aus, bekämpft sie nicht, versucht stattdessen, ihr mit Worten zu begegnen: Mit assoziativen Texten, die weit vom Lauten und Alltäglichen entfernt sind. Leise und poetisch geben sie Raum auch für die Trauer der Lesenden.

Han Kang: Weiß. Übersetzt von Ki-Hyang Lee. Aufbau, 151 Seiten, 20 Euro

 

 

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