Wa(h)re Feministin

Jessa Crispin ist stinksauer über »schlechten« Feminismus und formuliert das drastisch. Manches in dieser Streitschrift kann frau sich schenken, manches aber nicht.

»Radical Feminist« – diese Worte machen Jessa Crispin wütend, jedenfalls in einem bestimmten Kontext: auf einem Schal von Acne Studios für 220 Dollar oder auf einem Pulli für 650 Dollar. Die teuren Lifestyle-Produkte stehen für billigen Feminismus, so sieht sie es: Er ist hier nur Deko.

Darauf bezieht sich der Titel ihres Buchs: »Warum ich keine Feministin bin«. Der Untertitel widerspricht dem nur scheinbar: »Ein feministisches Manifest« – Crispin lehnt» schlechten« Feminismus ab und plädiert für den »guten«.

Der Titel dient natürlich dazu, Aufmerksamkeit zu erregen und sich von anderen Schriften abzuheben. Dazu soll ebenfalls der Sprachstil beitragen, der anders ist, als man es bei einem Suhrkamp-Buch erwartet – nicht gerade geschliffen, dafür gern drastisch, zum Beispiel gleich am Anfang.

»Das Getue – ich bin harmlos, beiße nicht und lasse mich gern ficken – ist der Grund, weshalb ich die Bezeichnung als Feministin ablehne: wegen all der schlechten Feministinnen, all jener talmudisch geführten ›Kann man Feministin sein und sich trotzdem die Bikini-Zone enthaaren‹-Diskussionen. (…) Wegen all der Feministinnen, die ständig Schwänze lutschen, als wäre das Teil der missionarischen Arbeit.«

 

Gegen weichgespülten »Flachfeminismus«

Ja, Crispin ist wütend. Erst einmal nicht auf Männer, sondern auf Frauen, die sich ihrer Meinung nach zu Unrecht als Feministinnen bezeichnen. Ihrer Wut entsprechend hat sie keine ordentliche Abhandlung vorgelegt, sondern eine knappe Streitschrift, die statt auf nüchterne Fakten und differenzierte Interpretationen auf Emotionen setzt.

Genervt ist sie von der »Vereinfachung des Feminismus zu etwas Weichgespültem, Disneytauglichem«, vom »Flachfeminismus«, vom Feminismus als Lifestyle-Produkt, als Ticket in die oberen Ränge des Patriarchats: Frau muss zwar gläserne Decken durchstoßen, wenn sie Karriere machen will, muss dann aber nicht über den patriarchalen Kapitalismus nachdenken, kann sich vielmehr einfach in das schlechte System integrieren, und das tun viele, kümmern sich ebenso wenig um Natur- und Menschenausbeutung wie ihre männlichen Kollegen – Frauen sind nicht besser, nur weil sie einmal marginalisiert waren.

Das sind sie nun aber mal durch ihr Geschlecht, und aus dieser Erfahrung heraus sollen sie die besseren Menschen sein, das ist Crispins Anspruch. Und sie will Jüngerinnen für ihren Feminismus gewinnen, für den eigentlichen, den wahren radikalen Feminismus, der nicht auf ein interessanteres Leben für ein paar weiße Mittelschicht-Frauen zielt, sondern auf eine gerechtere Welt für alle.

 

Wofür brauchen »wir« heute noch Feminismus?

Mit ihrem Text macht sie sich leicht angreifbar, weil er trotz schriftlicher Fixierung versucht, ein Wutausbruch zu bleiben, und nur so weit durchgearbeitet ist, dass er als Ausrufungszeichen taugt und Aufmerksamkeit erregt. Wenn man aber zur Seite schiebt, was einen stört, bleibt immer noch genug übrig, über das es sich nachzudenken lohnt – die Fragen, die Crispin stellt oder zumindest andeutet:

  • Was heißt Feminismus – welche unterschiedlichen Bedeutungen geben Frauen heute diesem Begriff?
  • Sind Frauen nach wie vor marginalisiert, einfach nur, weil sie Frauen sind – wenn sie längst Bundeskanzlerin und IWF-Chefin, Astronautin und Chefärztin werden können?
  • Wofür brauchen wir Feminismus – was wollen wir mit ihm erreichen?
  • Gibt es überhaupt ein »Wir«?

 

Exemplarische Debatte: Blasey Ford, Kavanaugh und »Women for Trump«

Für eine Standortbestimmung kann der Streit um die Ernennung Brett Kavanaughs zum Obersten Richter herhalten – auch wenn Crispin ihr Buch vorher schrieb (und die Debatte natürlich viele US-typische Aspekte aufwies).

Die Auseinandersetzung hat deutlich gezeigt, wie viel sich verändert hat, wie viel Feministinnen in den vergangenen Jahrzehnten erreichten haben. Frauen sind heute Abgeordnete, Psychologinnen, Journalistinnen, bringen ihr Wissen und ihre Anliegen in öffentliche Debatten ein – und so fand Christine Blasey Ford Gehör, als sie Kavanaugh sexuelle Gewalt vorwarf, auch wenn das Jahrzehnte her ist (und ja: auch wenn mit dieser Anklage politische Ziele verfolgt wurden). Und es gab lauten Protest, als Donald Trump das vom Tisch wischen wollte, weil sie damals die vermeintliche Tat nicht zur Anzeige gebracht hat – als der US-Präsident die seelische Verletzung, die Kavanaugh Blasey Ford (vermutlich) zugefügt hat, in schlechter alter Macho-Manier gegen sie wendete.

Damit zeigte sich aber auch, wie viel sich nicht verändert hat. Trump fand Gehör bei seinen Anhänger_innen – »Women for Trump« halten immer noch ihre Plakate hoch, trotz Locker Room Talk und anderen Gelegenheiten, bei denen er zeigt, dass man Frauen nicht respektieren muss, »Grab them by the Pussy«. Der US-Präsident warb vehement für die Ernennung Kavanaughs – ausgerechnet zum Obersten Richter, Vergewaltigungs-Vorwürfen zum Trotz. Von vorherein beschwor er, dass die Anschuldigung falsch sein muss, feierte die Ernennung seines Mannes als Sieg, nahm die Anliegen von Frauen nicht ernst.

Neben Trumps Engagement für Kavanaugh und der Begeisterung seiner Anhänger_innen für ihn gibt es viele Gründe, warum Feminismus nach wie vor wichtig ist. Zum Beispiel:

  • Die sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen, die sie traumatisiert und marginalisiert.
  • Die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, insbesondere für Alleinerziehende und andere, die sich kein Personal leisten können oder, schlimmer noch, die arm sind.
  • Die Frage, ob das Tragen eines Kopftuchs ein Ausdruck religiöser Freiheit oder der Unterdrückung ist oder beides zugleich – und ob man Mädchen und Frauen zwingen soll, das Zeichen ihrer Unterdrückung abzulegen.
  • Die Frage, wie es einzuschätzen ist, wenn frau einen Poledance-Kurs für Sport hält.
  • Zwangsprostitution: Ein Mann gibt einem anderen Geld dafür, dass er eine Frau zum Sex zwingt – und das hat in der Regel höchstens zur Folge, dass dieses Verhalten Stoff für Krimiautor_innen wird, dass Zuschauer_innen und Leser_innen den Verstoß gegen Menschenrechte bei einem Glas Wein im besten Fall furchtbar finden. Oder nur als Unterhaltung konsumieren.

Das ist es, was Crispins Streitschrift für mich lesenswert macht: Sie regt zum Nachdenken an. Insbesondere ihre grundlegende Frage ist nicht so harmlos, wie sie klingt: Welchen Feminismus will frau haben? Ist sie zufrieden, wenn sie Karriere machen und sich Personal leisten kann, oder interessiert sie sich auch für die Lebensumstände ihrer Putzfrau? Denkt frau über Kontexte nach, über das gesellschaftliche und politische System, in dem sie sich bewegt? Wie weit will sie sich anpassen, muss sie sich verbiegen, was nimmt sie in Kauf?

Jessa Crispin: Warum ich keine Feministin bin. Ein feministisches Manifest. Übersetzt von Conny Lösch. Oktober 2018, Suhrkamp, 145 Seiten, 12,95 Euro

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