Kinder-Fantasien

Lust auf das weiße Kaninchen? Dieser Krimi wendet sich an Leser*innen, die sich für »Alice in Wonderland« interessieren, aber auch für den Autor und für die Spekulationen um seine pädophilen Neigungen.

Ähnlich exzentrisch wie die Teegesellschaft in »Alice in Wonderland« erscheint in diesem Kriminalroman die Lewis-Carroll-Bruderschaft. Natürlich ist sie in Oxford aktiv: an dem Ort, an dem Lewis Carroll seiner Arbeit als Mathematiker nachging – und seine Freizeit mit Kindern verbrachte. Mit Alice Liddell zum Beispiel: Sie inspirierte ihn Anfang der 1860er Jahre zu »Alice in Wonderland«, zu der Geschichte, die ihn bald berühmt machen sollte.

Aber auch mit anderen Kindern war er zusammen, gern mit fünf oder sechs Jahre alten Mädchen, die er – kaum bekleidet oder nackt – lasziv in Szene setzte und mit Hilfe der neuen Kunst der Photographie verewigte.

Um diese Bilder gibt es lange schon Kontroversen. Lewis Carroll sei ein Pädophiler gewesen, der seine Neigungen über die Bilder auslebte, vielleicht sogar noch weiter ging, sagen die einen. Seine Fans sprechen dagegen von Kunst, die man nicht spießig-moralisch beurteilen dürfe.

 

Was darf Kunst?

Der Mathematiker Guillermo Martínez greift diese Kontroverse auf: in seinem zweiten Krimi um den Logik-Professor Arthur Seldom und einen Doktoranden aus Argentinien. Dieses Mal geschehen Morde im Umfeld der fiktiven Lewis-Carroll-Bruderschaft, die mit lebenden Exzentrikern und realen ruhmsüchtigen Akademiker*innen natürlich nichts zu tun hat – auch wenn der Autor zwei Jahre seiner Doktorandenzeit in Oxford verbrachte.

»Der Fall Alice im Wunderland« ist ein unaufgeregter, nahezu actionfreier Krimi, der auf leise Art spannend ist. Martínez bezieht in ihm nicht Stellung: Er spinnt seine Geschichte um die Kinder-Photographien Lewis Carrolls, gibt aber nicht preis, zu welcher Position er selbst tendiert. Das Besondere an diesem Rätsel-Krimi ist, dass er einen Denkraum öffnet: um das, was Pädophilie bedeutet oder bedeuten kann; um die Frage, was Kunst darf bzw. welche Grenzen ihr gesetzt werden sollten; um die Frage, welche Form von Aufmerksamkeit Kindern gut tut und welche Grenzen auf keinen Fall überschritten werden sollten.

 

Wie will man Mädchen sehen?

Nicht bekannt ist, ob Lewis Carroll Alice Liddell und seine anderen Fotomodelle »nur« aufgenommen hat: Alles, was über die Bilder hinausgeht, ist Spekulation. Sicher ist aber, dass er mit den Photographien Bilder von Kindern überliefert hat, die eine erotische Aura haben: Man braucht nicht viel Fantasie, um die kleinen Modelle als verführerisch, willig, verfügbar zu sehen. Vielleicht galt das im 19. Jahrhundert nicht als Problem – auch das ist eines der Argumente, die in der Kontroverse angeführt werden. Heute wissen wir aber sehr viel mehr als damals über die Psyche von Kindern, und es gibt gute Gründe, diese Fotos zu hinterfragen: weil sich in ihnen Vorstellungen manifestieren, die zu tiefen und nachhaltigen Verletzungen führen können – und Kinder sind wichtiger als Kunst.

Guillermo Martínez: Der Fall Alice im Wunderland. Übersetzt von Angelika Ammar. Mai 2020, Eichborn, 320 Seiten, 16 Euro

 

 

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