Zwischen Gut und Böse

Leise, fesselnd – und fokussiert auf Fragen, die zu einem klassischen Krimi gehören: Fragen nach Gerechtigkeit und Humanität. Es lohnt sich, den bei uns nicht allzu bekannten australischen Autor Garry Disher zu entdecken.

Die plump-derben Kommentare zu seinem Rollator steckt Sergeant Alan Auhl locker weg. Mit ihnen ist der Mittfünfziger konfrontiert, als er nach fünf Jahren Rente zur Polizei zurückkehrt: zu den Cold Cases. Er ist aus Langeweile zurückgekehrt – und auch, weil er es nicht leiden kann, wenn Mörder davonkommen, jedenfalls die Bösen unter ihnen. Auhl folgt seinen eigenen Rechtsvorstellungen und geht dabei sehr weit, bricht Gesetze, wird selbst zum Mörder, wenn er Menschen beschützen und Verbrecher stoppen will. Dieses Überschreiten von Grenzen, die zahlreichen Zwischentöne bei der Frage nach Gut und Böse, sind eine Besonderheit von Garry Disher.

In diesem Krimi mag man Auhl nicht nur folgen, weil er ein sympathischer Typ ist, den man gern zum Freund hätte. Vielmehr auch, weil er gute Gründe hat, Recht eigensinnig zu interpretieren. Denn selbst vergleichsweise gute Justizsysteme sind nicht unfehlbar, nicht jeder Verbrecher kommt hinter Gitter. Juristische Vergeltung ist Auhl wichtig. Wenn sie aber nicht möglich ist, wenn er einen Täter nicht überführen kann, sucht er andere Wege, ihn auszuschalten, und hofft, dass sein Copwissen ausreicht, um die Spuren zu verwischen.

Wenn er nicht den Bösen nachspürt oder in eigener Mission unterwegs ist, führt der etwas andere Cop ein ruhiges Leben im Chateau Auhl: ein großes Haus, das er geerbt hat, mit Platz für Studenten, seine erwachsene Tochter, Gestrandete, für Menschen, die Zuflucht suchen. In Auhls bunter WG können sie unterkommen, Luft holen, bleiben, wenn sie mögen – ein idyllischer Kontrast zu seinen Ermittlungen, ein tröstliches Moment, das zu diesem Krimi passt.

 

Starkes Engagement für die Verlorenen

Kaltes Licht beginnt mit einem sehr kalten Fall: Als eine Schlange in einem Garten ausgegraben und gefangen werden soll, taucht eine Leiche im Boden auf – ein junger Mann, der lange schon verschwunden war. Auhl ist zudem in einen aktuellen Fall verwickelt: Die Frauen eines Arztes sterben jung, und der Ermittler glaubt nicht an natürliche Tode. Zudem kümmert er sich um Schützlinge aus dem Chateau Auhl: eine Frau, die versucht, ihre Tochter vor ihrem Ex-Mann zu schützen, vor Gericht gegen ihn und seinen Anwalt aber nicht ankommt.

Disher gelingt es, die verschiedenen Fälle zu einem Krimi zu verweben. Das Besondere an diesem Buch ist dabei der Ermittler selbst, seine kriminellen und zugleich humanen Bemühungen, Täter zu stoppen, sein Engagement für Menschen, die ohne ihn verloren wären. Ein unspektakulärer, aber fesselnder, nachdenkenswerter Krimi.

Garry Disher: Kaltes Licht. Übersetzt von Peter Torberg. Juli 2019, Unionsverlag, 320 Seiten, 22 Euro

 

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