Reise zum Ich

Eine außergewöhnliche und spannende Mischung: ein Porträt der Sklaverei im Jahr 1830 auf Barbados, ein Reisebericht mit Jules Verne-Momenten, die Ich-Werdung eines Jungen, der nicht als Mensch vorgesehen war.

Schulbildung gibt es für diesen Jungen nicht, stattdessen harte Feldarbeit wie für die anderen Kinder, ausgebeutet, benutzt von ihrem brutalen Besitzer, einem Engländer, der Schwarze nicht als Menschen sieht. Auch der Junge zählt nicht, selbst die Namensgebung ist ein Hohn: Sein erster Master nannte ihn George Washington Black, verspottete ihn damit, weil der Junge, anders als der Name es verspricht, niemals frei sein würde.

Er wird dann auch einfach nur Wash genannt. Erzählt wird von ihm in einem Roman, zu dessen Popularität sicherlich beigetragen hat, dass er zu Barack Obamas Lieblingslektüre zählen soll – und dass er für den Booker Prize nominiert war.

 

Spektakuläre Flucht mit dem Wolkenkutter

Das Leben des Jungen nimmt eine dramatische Wendung, als der Bruder seines Masters sich den Elfjährigen ausborgt. Anfangs ist er nur als winziger Ballast für den Wolkenkutter gedacht, ein Ballon-ähnliches Flugschiff, der Lebenstraum des reichen Engländers, der sich für die Wissenschaften interessiert. Wash aber wird mehr und mehr zu seinem Assistenten, wird herausgerissen aus der fragilen Gemeinschaft der Schwarzen, bindet sich immer enger an den Weißen, der sich gegen die Sklaverei und das Sklavengeschäft seiner Familie ausspricht.

Schließlich müssen die beiden fliehen, verlassen die Zuckerrohrplantage mit dem Wolkenkutter, der tatsächlich abhebt, geraten in einen Sturm, fabrizieren eine Bruchlandung – und reisen immer weiter, sogar bis in die Arktis. Mit 16 aber muss Wash schließlich auf eigenen Füßen stehen, ein Leben entwerfen, das für ihn nie vorgesehen war.

 

Die Bedeutung von Freiheit

Washington Black ist ein Roman, der von der Handlung getrieben wird, die Charaktere bleiben nah an Stereotypen: ein brutaler Plantagenbesitzer; ein skrupelloser Kopfgeldjäger, der entlaufene Sklaven einfängt; der eine oder andere Weiße mit dem guten Herzen. Dennoch: Esi Edugyan versteht es, ihre Leser_innen in den Bann zu ziehen – mit der Geschichte eines Jungen, der nichts über seine Eltern weiß; der aus den wenigen Bindungen, die es in seinem Leben gibt, wieder herausgerissen wird, allein ist, haltlos, ohne Wurzeln und Familie, auf der Suche nach einem eigenen Leben. Ein Jugendlicher, der nahezu aus eigener Kraft zum Menschen, zum Individuum werden und für sich allein herausfinden muss, was Freiheit bedeutet.

Der Roman wird in die Nähe zu Colson Whiteheads The Underground Railroad gebracht: den Bestseller, der eindrücklich von Sklaverei in Georgia erzählt und mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde. Esi Edugyans Verlag nimmt das im Klappentext gern auf, dieser Vergleich ist aber zu hoch gegriffen: Washington Black ist kein literarisches Werk, das mit Sprache überzeugt, sondern vor allem eine Abenteuer- und Reisegeschichte, dabei allerdings auch viel Stoff zum Nachdenken bietet – ein fesselnder und berührender Roman.

Esi Edugyan: Washington Black. Übersetzt von Anabelle Assaf. August 2019, Eichborn, 512 Seiten, 24 Euro

 

 

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