Endlich weg

Tara Westovers Buch ist nicht das erste über eine Kindheit, die kein Honigschlecken ist. Aber ihre ungewöhnliche Bildungsgeschichte ist lesenswert.

Sie ist ein Ausflug ins Nirgendwo von Idaho, in die Enge einer Mormonenfamilie. Vor allem aber ist es die Geschichte einer Befreiung, die Lösung von den Eltern. Dass diese Suche nach Selbstbestimmung alles andere als ein Spaziergang ist, kann man mit Tara Westovers Buch sehr gut nachvollziehen.

Allerdings braucht man etwas Geduld. Es dauert eine Weile, bis sich aus ihren Erinnerungen das Bild einer ungewöhnlichen Kindheit mit überraschendem Abschluss ergibt. Sie erzählt von ihren Eltern und den Geschwistern, von Bibelstunden, dem abgelegenen Haus in Idaho, von einem Schrottplatz, auf dem die Kinder mithelfen müssen, auch wenn die Arbeit gefährlich ist, von Vorräten für den Weltuntergang, der bald kommen wird, davon ist der Vater überzeugt.

Die Eltern lehnen das staatliche System ab, nehmen ärztliche Hilfe nicht in Anspruch, nicht einmal bei schweren Unfällen auf dem Schrottplatz oder mit dem Auto (das nicht angemeldet und nicht versichert ist und auch keine Sicherheitsgurte hat). Für die jüngeren Kinder gibt es keine Geburtsurkunden, und sie gehen nicht zur Schule.

Dennoch hat Tara Westover es bis Cambridge und Harvard geschafft. Inzwischen hat sie eine Doktorarbeit in der Philosophie geschrieben und ihr erstes Buch.

 

Den Kopf frei bekommen

Bildung ist eines seiner großen Themen, der englische Titel heißt dann auch Educated. Der deutsche Titel Befreit greift das zweite Thema auf, das mit der Bildung eng verwoben ist: die Lösung von der Familie, von der Ideologie des Vaters vor allem, für den Bildung eine Gehirnwäsche des Systems ist. Frauen sollen heiraten, vorher soll seine Tochter ihm auf dem Schrottplatz helfen und der Mutter in der Küche, alles andere ist Teufelszeug.

Eine Gehirnwäsche hat Tara Westover tatsächlich erlebt: durch den Vater, der Gehorsam forderte, mit Unterstützung des Herrn, der seinen Zorn ausgießen wird, wenn das Mädchen ihm nicht folgt. Die Mutter suchte immer mal wieder nach Freiräumen, folgte letztlich aber ihrem Mann, mehr noch: stimmte zu, dass die Tochter das Haus verlassen muss und ihren Platz in der Familie verliert, wenn sie eine Universität besucht.

 

Eigenes Leben

Nichts schien näher zu liegen, als die Eltern hinter sich zu lassen und insbesondere einen der Brüder, der seine Aggressionen an Tara ausließ, ihren Kopf immer wieder in die Toilettenschüssel steckte, ihr das Handgelenk brach. Tatsächlich forderte die Loslösung von der Familie enorme Anstrengungen: Es ist nun mal schwer, sich selbst von Eltern zu distanzieren, die kaum nachvollziehbare Vorstellungen vom Kindeswohl haben.

Natürlich: Cambridge ist der Clou dieser Autobiographie. Tara Westover spricht aber nicht nur darüber, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie, die nie eine Schule betreten und nie eine Prüfung absolviert hatte, nicht nur überhaupt eine Universität, sondern ausgerechnet diese besuchen konnte. Sie spricht auch darüber, wie schwer es ist, sich von der Familie zu lösen, einen eigenen Weg zu finden, Schritt für Schritt in ein Leben zu gehen, das von Eltern und einigen der Geschwister schlecht geredet wird, weil Tara jetzt dem System diene, weil sie den Herrn erzürne, weil sie hochnäsig sei.

Deshalb ist der deutsche Titel so treffend: Befreit – weil er darauf verweist, dass die Bildung mit der radikalen Loslösung erkauft ist, mit einer Trennung, die niemandem in die Wiege gelegt wird.

Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss. Übersetzt von Eike Schönfeld. September 2018, Kiepenheuer & Witsch, 448 Seiten, 23 Euro

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