Eiszeit

Wenn Themen inflationär werden, ist es Zeit, Krimi- und Thriller-Konzepte zu überdenken: Taugt das Leid (von Kindern) für ein bisschen Grusel und Unterhaltung?

Bevor es mit den Verbrechen losgeht, die in Eisrot bestialisch und blutig sind, sollen aber erst einmal die Eis- und Schneewelten in ihren Bann ziehen. Gleich auf der zweiten Umschlagseite gibt der Verlag dann auch Hintergrundinformationen zu Grönland, dem Land, dessen Fläche zu fast 80 Prozent das ganze Jahr über mit Eis bedeckt ist.

Dann erzählt natürlich auch der Thriller einiges über die Schneelandschaften und die Menschen, die dort leben – und anfangs spielt der dänische Autor damit, dass das Mittelalter zur Sprache kommen, dass man in die Geschichte der Insel westlich Islands eintauchen könnte. Denn das Eis gibt eine mumifizierte Leiche frei, und der Tote könnte einer der Nordmänner gewesen sein: Siedler mit skandinavischem Ursprung, die aus unbekannten Gründen vor 500 Jahren aus Grönland verschwanden. Das wäre ein Sensationsfund wie der Alpen-»Ötzi«, und der passende Name für die grönländische Mumie wird gleich mitgeliefert: »Grötzi«.

 

Hübscher Kontrast: Das rote Blut im weißen Schnee

Die Aufmerksamkeit der internationalen Presse gibt es dann doch nicht, weil die Mumie tatsächlich nicht Jahrhunderte, sondern nur ein paar Jahrzehnte im Eis gelegen hat. Bevor sie näher untersucht werden kann, verschwindet sie aber, und der Polizist, der sie bewachen soll, wird getötet.

Ein Reporter war am Fundort und sollte über die Mumie berichten. Nachdem »Grötzi« verschwunden ist, hat er den Auftrag, stillzuhalten und sich erst mal mit Fällen aus den 1970er Jahren zu befassen, die nie aufgeklärt wurden – und natürlich stellt sich heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Fund und den Verbrechen von damals gibt. Mit einem dieser grausamen Morde führt Mads Peder Nordbo in seinen Grönland-Thriller ein: Ein noch lebender Mann wird aufgeschlitzt, und die Eingeweide werden ihm entnommen.

 

Gesucht: Ein Anlass für bestialische Morde

Will man das lesen? Ich bin kein Fan der Krimi-»Schlachtplatte«, wollte aber herausfinden, für welche der beiden beliebten Varianten sich dieser Autor entschieden hat: Geht es um einen durchgeknallten Psychopathen oder um sexuelle Gewalt an Kindern?

Wieder einmal geht es um letzteres: Sexuelle Gewalt an Kindern ist in Krimis und Thrillern geradezu inflationär. Autor_innen nehmen diese Art der Verbrechen gern zum Anlass für besonders blutige Morde, für Gewalt- und Hassorgien – auch wenn Betroffene im realen Leben ganz anders reagieren, sich nicht rächen, vielmehr Mühe haben, überhaupt auch nur leise Aggressionen gegen jemand anderen als sich selbst zu richten. Aber natürlich: Thriller sind fiktiv, können Rachefantasien und Hass ausleben, wie sie wollen. Die Frage ist nur: Welchen Sinn macht es, dass so viele Genre-Autor_innen sexuelle Gewalt an Kindern thematisieren?

In den Zeiten, als Krimis und Thriller noch nicht im deutschen Publikumsmarkt angekommen waren, sondern sich gleichsam erst warm liefen, war das anders: In den 1980er Jahren kam das Thema nur selten zur Sprache. Eine der Krimi-Autorinnen, die es vergleichsweise früh aufgriffen, war 1988 Elizabeth George in A Great Deliverance (Gott schütze dieses Haus). Damals fragte man eher, ob das überhaupt sein kann: Selbst wenn es Kindern gelang, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde, wurden sie in der Regel nicht ernst genommen. Elizabeth George war eine der Ausnahmen.

Seitdem hat sich manches verändert. Zumindest ist die Öffentlichkeit informiert, nicht nur darüber, dass es sexuelle Gewalt an Kindern tatsächlich gibt, sondern dass sehr viele Mädchen und Jungen betroffen sind, überall auf der Welt, in allen gesellschaftlichen Schichten. Krimis und Thriller haben mit dazu beigetragen, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Empörung und Abscheu inklusive

Wenn Autor_innen es heute aufgreifen, geht es sicherlich darum, Partei für die Opfer zu ergreifen. Die Erzähler_innen nutzen das Thema aber auch für sich: Es scheint eine Garantie für den Erfolg im Buchmarkt zu sein, weil es tiefe Emotionen weckt, Empörung und Abscheu, mit denen man Leser_innen gut abholen kann. Diese Art des Verbrechens scheint zudem ein Ticket für besonders blutige Morde zu sein – und wenn sie in Szene gesetzt werden, wiederholen Autor_innen, was bereits wieder und wieder zu lesen war, oft mit denselben Floskeln: Sexuelle Gewalt sei die Hölle für die Kinder, sie zerstöre ihr Leben, nie wieder erholen sie sich davon.

Das ist leider wahr – gute Literatur kann aber mehr, als diese Formeln nur einfach zu wiederholen. Eine Frage – für deren Beantwortung man sich allerdings mehr Mühe geben müsste – könnte zum Beispiel sein, warum sexuelle Gewalt so oft geschieht. Oder eine Autorin, ein Autor könnte eine Geschichte erzählen, in der sichtbar wird, was es eigentlich heißt, dass das Trauma ein Leben zerstört.

Eisrot aber bleibt bei den Floskeln. Der Thriller ist spannend, man erfährt ein wenig über Grönland, die Eislandschaften, die fremde Kultur, die dänische Besatzung – und bereits Bekanntes über sexuelle Gewalt. Das ist solides Thriller-Handwerk, wie der Buchmarkt es dutzendfach bietet. Thriller-Handwerk zudem, das die Schattenseiten des Genres zeigt: Leid wird für Unterhaltung genutzt, für ein bisschen Grusel und Ablenkung vom Alltag. Wenn es einfach nur schlichte Unterhaltung mit regionaler oder Urlaubsatmosphäre sein soll, wäre es besser, andere Themen zu wählen.

 Mads Peder Nordbo: Eisrot. Ein Grönland-Thriller. Übersetzt von Marieke Heimburger und Kerstin Schöps. Oktober 2018, Fischer Taschenbuch, 415 Seiten, 9,99 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.