Dichterin, trotz allem

In ihrem Roman über Annette von Droste-Hülshoff empört sich Karen Duve über Frauenfeindlichkeit: ironisch und unterhaltsam, leider aber mit zu engen Grenzen.

Die Grimms treten oft auf, am Ende ist auch Heinrich Heine dabei: berühmtes Personal also für den historischen Roman, der dem Leben eines adligen Fräuleins zu Beginn des 19. Jahrhunderts nachgeht. Eines Fräuleins, das anders ist: nicht stricken und sticken mag, sich nicht in die Welt der Frauen schickt und in die verordnete Dummheit.

Annette von Droste-Hülshoff zieht vielmehr undamenhaft mit einem Hämmerchen los, um Steine und Mineralien mit nach Hause nehmen zu können. Ihr macht es nichts aus, wenn der Saum ihrer Kleider schmutzig wird, schlimmer noch: Sie ist vorlaut, mischt sich in die Gespräche von Männern ein und schreibt Gedichte.

 

Sommer-Romanze

Einer aber mag und schätzt sie: Heinrich Straube, ein armer Bürgerlicher, den Annettes Onkel für genialer als Goethe hält und finanziell unterstützt. Nur nahe kommen soll er der Nichte nicht, und so währt die Hoffnung nur kurz. Fräulein Nette wird in ihre Schranken verwiesen, Familie und Freunde sorgen dafür, dass es mit ihr und Straube nichts wird.

Mit viel Liebe zum Detail geht Karen Duve dem Sommer 1820 mit Straube nach, den Intrigen und Gemeinheiten, die ein Happy End verhindern – falls es das für die westfälische Adlige und den Bürgerlichen überhaupt hätte geben können. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Güter der weit verzweigten Familie, ins Kurbad oder nach Kassel zu den Brüdern Grimm.

 

Hintergründe zur Schullektüre

Das ist genau recherchiert und unterhaltsam geschrieben. Das frauenfeindliche frühe 19. Jahrhundert kommt zur Sprache, man erfährt, dass die Natur Frauen nun mal Geist und Körper eines Mannes verweigert, dass sie vieles einfach nicht können und gar nicht erst versuchen sollen. Man liest, was man nicht lernte, als es in der Schule um Die Judenbuche und den Knaben im Moor ging – die Werke der Dichterin, die später doch noch berühmt wurde.

Duve findet wunderbar ironische Wendungen, führt die Idiotien dieser und späterer Zeiten amüsant vor. Leider erfährt man aber kaum etwas darüber, warum Annette von Droste-Hülshoff schrieb, was ihr das Schreiben bedeutete, woher diese ewig kränkelnde Person die Kraft nahm, all der Verachtung zum Trotz zu schreiben und ihre Texte zu veröffentlichen.

So ist Fräulein Nettes kurzer Sommer ein unterhaltsamer Roman, der die Empörung der Autorin über Frauenfeindlichkeit, Borniertheit, Gemeinheit, Ungerechtigkeit von Männern – und die Beschränktheit vieler Frauen – pointiert zum Ausdruck bringt. Aber gerade weil das gelungen ist, wünscht man sich mehr.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. September 2018, Galiani-Berlin, 592 Seiten, 25 Euro

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