Marschmädchen

Delia Owens Debütroman fällt aus dem Rahmen, ist leise und sehr berührend. Die Zoologin, die lange in afrikanischer Einsamkeit forschte, erzählt von einem Kind, das allein in einer Marschlandschaft überleben muss.

Dort, wo die Flusskrebse singen: Das Sprichwort meint eine abgelegene Region, weit weg von der Zivilisation, wie das Marschland in North Carolina, eine Landschaft mit zahlreichen Wasserläufen am Atlantik. In einer winzigen Hütte lebt dort in den fünfziger Jahren Kyas Familie – doch dann geht die Mutter. Sie hat einen Koffer dabei, dreht sich nicht um, winkt nicht. Bald folgen ihr Kyas ältere Geschwister.

Zurück bleibt die Jüngste, die Sechsjährige, mit dem trinkenden, gewalttägigen Vater, der aber auch immer wieder für ein paar Tage weg ist. Das Kind hat kein Geld, kaum Kleidung, keine Schuhe, keine Lebensmittel, ist viel zu klein, um allein zu überleben, schafft es trotzdem. Nur eine Sozialarbeiterin kommt ein paar Mal vorbei, lockt sie in die Schule, weil es dort etwas zu essen gibt. Einen Tag geht Kya dorthin, hält es aber nicht aus, weil die anderen Kinder sich über sie lustig machen.

 

Muscheln, Federn, Gräser

Überraschend hat sie ein paar gute Wochen mit dem Vater, geht mit ihm angeln, erlebt fast etwas wie Nähe. Dann aber trinkt er wieder und verschwindet, dieses Mal für immer. Kya ist allein. Nur der Schwarze, bei dem sie das klapprige Boot des Vaters auftankt, selbst ein Ausgestoßener, der kaum etwas hat, hilft ihr, gibt ihr Geld, Lebensmittel, Kleidung.

Leise erzählt Delia Owens Kyas Lebensgeschichte: die unendliche Einsamkeit eines Mädchens, das von allen verlassen wird, die ihm jemals nahe gestanden haben. Sie lassen sie allein in einer Natur, die ihr Zuhause wird, mit den Muscheln und Gräsern, die sie malt, als sie später Farben hat, mit Vögeln, deren Federn sie sammelt.

 

Bilder, Bücher

Einen Freund gibt es aber, einen Jungen, dem sie ab und zu im Marschland begegnet. Er schenkt ihr die Farben, bringt ihr Lesen und Schreiben bei, hat Bücher für sie, öffnet ihr eine neue Welt in ihrer Einsamkeit. Doch dann geht er ans College, auch er lässt sie allein, kehrt lange nicht zurück.

Die Geschichte des Marschmädchens, wie sie verächtlich von manchen in dem Ort ein Stück entfernt genannt wird, dort, wo sie sich manchmal versorgt, wenn sie Muscheln verkauft hat oder Fisch, ist in den USA ein Millionenbestseller. Dass gerade dieses stille Naturbuch dort so erfolgreich ist, finde ich überraschend. Einen großen Anteil daran hat vermutlich die Schauspielerin Reese Witherspoon, die fürs Lesen und insbesondere für dieses Buch wirbt.

Der Gesang der Flusskrebse ist eine der berührendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Traurig, aber auch hoffnungsvoll, die Geschichte einer fast und doch nicht unendlichen Einsamkeit. Ein stiller Roman, unspektakulär, Lichtjahre entfernt von der nahezu obligatorischen Munterkeit und Buntheit anderer Titel. Ein Roman, der sich Zeit nimmt für ein Leben, um das sich kaum jemand kümmert.

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Juli 2019, hanserblau, 464 Seiten, 22 Euro

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.