Corona-Blues

Es könnte so schön sein: Eine große Mehrheit hamstert Bücher und nutzt das erzwungene social distancing zum Lesen, für Stille, für konzentriertes Nachdenken über wichtige Fragen, und die Welt wird eine bessere.

Zu Beginn der Corona-Krise gab es jede Menge Plädoyers dafür, jetzt doch mal die Bücher zu lesen, zu denen man bis jetzt nicht gekommen ist. Mehr noch, der Lockdown ist Lesezeit, das war die Hoffnung: Alle nutzen das erzwungene Cocooning, um sich Zeit für Geschichten zu nehmen, um mit Büchern über das Virus und den Sinn des Reisens nachzudenken, über Konsum, Nachhaltigkeit und Menschenrechte. Wer einen Hang zu Verschwörungstheorien hat, überprüft sie mit Hilfe sorgfältig recherchierter Sachbücher oder gibt sich ihnen mit Thrillern für einen Moment hin, um dann in die Realität zurückzukehren.

Tatsächlich manifestieren sich diese frommen Wünsche nicht in den Umsatzzahlen der Buchbranche. Während der Corona-bedingten Schließungen ihrer Läden haben sich zwar Buchhändler*innen mit großem Einsatz darum bemüht, den Betrieb aufrechtzuerhalten, sie erhielten auch ein sehr positives Feedback ihrer Kund*innen. Einen empfindlichen Umsatzrückgang konnten sie aber nicht verhindern, vermutlich wird er auch nicht wieder aufzuholen sein.

 

Lesungen, Vorträge, die so wichtigen persönlichen Begegnungen fehlen

Das hat wiederum einen Umsatzrückgang für Verlage zur Folge. Dazu kommt, dass Amazon – der Onlinehändler, der dem traditionellen Buchhandel das Leben schwer macht – Bücher in der Krise hintenanstellte, so dass für Verlage ein weiterer wichtiger Umsatzanteil verloren ging. Lesungen und Festivals finden nicht statt, und in Talkshows dreht sich alles um das Virus, Sachbücher bleiben außen vor.

Corona läutet also nicht eine hohe Zeit der Literatur ein, und es sieht nicht so aus, als ob es besser werden wird. Wirtschaftlicher Druck führt in der Regel dazu, dass insbesondere die großen Verlage eher zum Mainstream tendieren, während es literarische Titel oder anspruchsvolle Sachbücher noch schwerer haben. Brancheninsider gehen davon aus, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird.

Um mehr Menschen für das Lesen zu gewinnen, scheint es wenig zu nutzen, an die Vernunft zu appellieren und zu betonen, wie wichtig Bücher für individuelle und für gesellschaftliche Entwicklungen sind, wie beglückend Leseerlebnisse sein können. Viele zerstreuen sich lieber mit Insta, Netflix, Twitter – warum soll man sich mit Sachbüchern abmühen, wenn man die Essenz von Donald Trump auch in ein paar Großbuchstaben und Ausrufezeichen erfassen kann?

 

Stell dir vor, es steht viel auf dem Spiel, aber kaum einer merkt es

Es ist weder neu noch überraschend: Der Mensch nutzt seine Intelligenz lieber, um Shoppingtouren zu planen, in Corona-Zeiten zur Not auch Radtouren, und nicht zum Lesen von Büchern. Im Internetzeitalter verliert Literatur schon lange an Bedeutung, und Corona versetzt ihr einen zusätzlichen Stoß, auch wenn sich Verleger*innen und Buchhändler*innen mit großem Engagement dagegenstemmen. Das Überleben wird immer schwerer: Buchhandlungs- und Verlagspreise sind schön, aber nur der berüchtigte Tropfen auf den heißen Stein.

Das ist schade, wir verspielen sehr viel: eine Buchlandschaft, um die uns zu Recht viele beneiden. Aber das scheint nur die Branche zu alarmieren.

 

 

Kommentare

  1. Dechert Manfred

    Lesen ist eine wertvolle, doch auch Einsame Passion. In Zeiten kollektiver Isolation fehlt der Austausch, der Rahmen für Begegnung, Inter-Aktion.
    Menschen in Krisenzeiten leiden oft unter sozialen und wirtschaftlichen Ängsten. – Vielleicht bindet das die Kraft und Muße, die ein entspannter Leser bräuchte.

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