Die klare Sprache der Zahlen

Gewalt und Verbrechen: Diese Themen rufen starke Emotionen hervor – der Kriminologe Christian Pfeiffer aber bringt Fakten und Vernunft in oft irrationale, von Ängsten dominierte Debatten.

Kriminalität hat sein Berufsleben geprägt: Von 1988 bis 2015 war der Juraprofessor Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, von 2000 bis 2003 zudem für die SPD niedersächsischer Justizminister. Inzwischen ist er pensioniert, aber im Unruhestand. Das, was er zu sagen hat, ist nicht neu, wird aber allzu oft nicht gehört: in einer Zeit, in der sich viele zunehmend bedroht fühlen, obwohl die Zahl der Gewaltverbrechen tatsächlich zurückgegangen ist. Allzu viele versuchen gern, die Ängste vor Gewalt zu schüren, insbesondere vor Gewalt von Migrant*innen und Asylsuchenden, indem sie sehr einseitig mit Zahlen umgehen.

Natürlich: Wissenschaftliche Studien nützen denen nichts, die bereits zu Opfern geworden sind. Aber Fakten und Zahlen helfen, die Genese von Gewalt zu verstehen, sie können zu Gegenmaßnahmen führen und Verbrechen möglicherweise verhindern, wenn die Zahlen ernst genommen und gerade nicht einseitig übermittelt werden. Zum Beispiel (um eine der schrägen Diskussionen aufzugreifen): In der Vergangenheit war es gerade nicht der böse schwarze Mann, der deutsche Kinder und Frauen vergewaltigt hat, es war vielmehr meist ein deutscher Mann aus ihrem nahen, oft aus ihrem familiären Umfeld – das ist ein Aspekt im Gewaltbild, den man nicht unter den Tisch fallen lassen darf.

 

Differenzierung statt reflexhafter Ruf nach drakonischen Strafen

Bei Vorträgen fragt Pfeiffer seine Zuhörer*innen zu Beginn gern, wie sie die Entwicklung der Zahlen einschätzen. Die Antwort: Die meisten sind davon überzeugt, dass die Zahl der Gewaltverbrechen gestiegen ist. Tatsächlich aber sei sie in den vergangenen Jahrzehnten gesunken, betont er, und auch die Jugendkriminalität sei zurückgegangen. Diese Fakten werden aber nicht groß in der Öffentlichkeit besprochen: weil das dazu führen könnte, dass der Polizei Stellen gestrichen werden. Für die Medien seien das zudem keine einträglichen Meldungen: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, weil sie die Aufmerksamkeit der Rezipient*innen auf sich ziehen.

Deshalb ist Pfeiffers Buch wichtig, weil es – zwar mit reichlich Statistiken, aber dennoch gut lesbar – wichtige Studien vorstellt und der Kriminologe in Interviews etwa mit Jugendrichtern Erfahrungen aus langjähriger Praxis zusammenführt. Menschen werden nicht als Kriminelle geboren, es sind die Umstände, die zu Gewalt führen – das ist die wichtigste Erkenntnis, auch wenn ihr schon oft heftig widersprochen wurde, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Zwar werde nicht jeder, der Gewalt erfahren hat, automatisch zum Täter. Aber Mord, Vergewaltigung oder politischer Extremismus haben Vorgeschichten, dabei bleibt Pfeiffer, dafür gibt es auch viele Belege. Und »gnadenlos richten« sei bei jugendlichen Straftätern gerade nicht die beste Option, auch das zeigen Studien: Faire Verhandlungen, die sich um den Täter bemühen, führen öfter dazu, dass die Angeklagten nicht rückfällig werden, als die harte Anwendung des Gesetzes etwa durch Haftstrafen.

 

Es gibt Wege aus Gewalttraditionen

Die Zahl der Gewaltverbrechen sei in Deutschland zurückgegangen, weil Kinder in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weniger Gewalt durch Eltern und Lehrer*innen erfahren haben, weil ihre Lebensbedingungen besser geworden sind, betont Pfeiffer. Das sind Entwicklungen, Erfahrungen, Erkenntnisse, die es zu bewahren und auszubauen gilt: Kinder sollten Zuwendung erfahren, nicht Gewalt oder Verwahrlosung, gerade das sei Gewaltprävention. Das ist nicht nur gut für jeden einzelnen, vielmehr ebenso für die Gesellschaft, auch das macht Pfeiffer in seinem Buch sehr klar.

Diese Einsichten aber sind in Gefahr: durch Parolen, die Gewalt gegen Kinder immer noch als erzieherisch notwendige Strenge schönreden. Zudem kommen Menschen nach Deutschland aus Kulturen und Gesellschaften, die sehr viel stärker noch von Gewalt geprägt sind – das ist tatsächlich so, und auch das gehört zum aktuellen Bild. Damit muss man umgehen, und dafür ist Pfeiffers Buch wichtig.

Ähnlich argumentiert Sven Fuchs in seinem sehr engagierten Buch: http://krimisophie.de/sven-fuchs-kindheit-ist-politisch/

Christian Pfeiffer: Gegen die Gewalt. Warum Liebe und Gerechtigkeit unsere besten Waffen sind. Kösel, November 2019, 304 Seiten, 22 Euro

 

 

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