Respekt

Warum ist die #MeToo-Debatte nach wie vor wichtig? Was macht das Thema so kompliziert? Carolin Emcke denkt über Lust, Macht und Unterwerfung in einem anspruchsvollen 100 Seiten-Text nach.

Die Autorin ist nicht einmal heterosexuell, ist also nicht betroffen, kennt sich mit dem Thema nicht aus – ein bizarrer Einwand, so scheint es. Tatsächlich ist man aber mitten im Thema: Wer ist von sexualisierter Gewalt betroffen? Wer kann, wer darf sich in der #MeToo-Debatte äußern? Wen nimmt man ernst, wem hört man zu?

Carolin Emcke findet in der Regel Gehör, die Einwände gegen sie drängen sie nicht an den Rand. Daran ist zu merken, wie viel sich in den letzten Jahren zum Guten geändert hat: eine offen lesbische Frau, die als Journalistin erfolgreich ist und für ihre Arbeiten über Gewalt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

 

Flirt oder Gewalt?

Ja heißt ja und … schrieb sie als Monolog für die Theaterbühne. Wenn man mit dem Text in Buchform allein ist, Pausen machen, Zeilen wiederholt lesen kann, ist er dennoch nicht leicht zugänglich: Emcke denkt darüber nach, warum sich viele mit den Fragen der #MeToo-Debatte schwer tun; fragt nach den Grau-, den Zwischentönen und zeigt, wie komplex das Thema ist – der schmale Band mit gerade mal 100 Seiten ist kein Text, den man schnell mal lesen kann.

Dabei müsste es ganz einfach sein: Ja heißt ja, nein heißt nein. Was ein Flirt ist und was dagegen Gewalt, ist klar: Wenn eine(r) nicht will, wenn er oder sie nein sagt, ist Schluss, sollte Schluss sein. Das ist aber eben nur die Theorie.

Tatsächlich muss einer wollen: Er muss zuhören, sich auf das Gegenüber, auf die andere einstellen, sie ernst nehmen wollen. Damit ist man beim Kern der Debatte: Es geht um Macht, es geht gerade darum, dass Männer Frauen nicht ernst nehmen, ihnen den eigenen Willen aufdrängen, sie demütigen wollen. Mit körperlicher Gewalt oder »nur« mit Worten.

 

Unterwerfung und Kontrolle

Damit ist man auch bei einem bizarren Symbol der Debatte, dem Emcke Raum gib, dem Bademantel: wenn Regisseure, Vorgesetzte, Gönner zeigen, dass sie sich nicht an Bekleidungskonventionen halten, offen signalisieren, was sie wollen, gleich zur Sache, zur Unterwerfung kommen.

Kann man aber von Gewalt sprechen, wenn das Opfer die Möglichkeit hat, zu gehen? Oder wenn eine Frau sogar schon vorher ahnte, was auf sie zukommen würde, sich aber nicht entzieht – dem Filmproduzenten, von dem ihre Karriere abhängt, dem berühmten Dirigenten, dem Professor, den sie verehrt? Ist sie selbst schuld?

Niemand ist selbst schuld, wenn ihm oder ihr Gewalt angetan wird – das ist die Kernbotschaft von #MeToo und die von Emcke. Der Täter macht sich schuldig, selbst wenn sich das Opfer nicht handgreiflich entzieht, nicht wegläuft. Entscheidend ist, dass ihr etwas zustößt, was sie nicht will. Einfach ist es aber nicht, sich darüber zu verständigen und damit umzugehen.

Emcke nennt ein Beispiel, das nur scheinbar abseits führt: eine Freundin, die zum Abendessen eingeladen hatte. Während die Gäste am Tisch saßen, verschwand der Gastgeber im Zimmer des Kindes, seine Frau folgte ihm nach einer Weile. Als sie zurückkehrte, war klar, dass ihr Mann sie geschlagen hatte. Emcke wollte sie und das Kind sofort mitnehmen, Trennung, Anwalt, Scheidung – die Freundin aber wollte, dass alle so tun, als wäre nichts gewesen. Wie geht man damit um, wenn eine in einer von Gewalt geprägten Beziehung bleiben will?

 

Solidarität und Unterstützung

Warum setzen sich Frauen Gewalt aus, in Beziehungen oder Job-Konstellationen? Es ist keine Frage der Intelligenz, des Geldes, des sozialen Milieus. Es ist eine Frage der Erfahrungen, der Sozialisation. Dazu kommen Konventionen und Strukturen.

Die Strukturen kann man ändern – wenn man dafür einen gesellschaftlichen Konsens findet. An dem, was in den Köpfen ist, Erinnerungen, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein, Unrechtsempfinden, kann man dagegen nicht direkt drehen. Aber: Man kann darüber reden, über Macht und Ohnmacht nachdenken, Gewalt, Demütigung, Kontrolle, kann die Frauen (und Männer) unterstützen, die betroffen sind.

Deshalb ist die #MeToo-Debatte so wichtig: weil sie ein Bewusstsein für die Bedeutung dieser Fragen schafft. Und Emckes Bühnen-Monolog, ihr Buch ist wichtig, weil er die Komplexität der Machtproblematik anerkennt und nach Wegen sucht, ihr gerecht zu werden.

Carolin Emcke: Ja heißt ja und … Mai 2019, S. Fischer, 112 Seiten, 15 Euro

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