Krisen-Lektüre

Der Klassiker von Albert Camus wird in der Corona-Krise nicht nur in seinem Heimatland Frankreich zum Renner, sondern auch hierzulande. Ausgerechnet »Die Pest« gegen Corona – eine gute Idee?

Der deutsche Verlag ist gerüstet, meldet das Branchenmagazin Börsenblatt und zitiert Rowohlt-Sprecherin Regina Steinecke: »Wir drucken gerade die 88. Auflage. Die Nachfrage ist ungebrochen, zwei weitere Auflagen sind beauftragt.« Dieser Nachschub ist also gesichert, hier kann und darf man hamstern. Aber macht die Lektüre gerade jetzt auch Sinn?

Für die, die Zeit und innere Ruhe haben, sich auf den Klassiker aus dem Jahr 1947 einzulassen – unbedingt! Anders als Seuchen-Thriller oder Hollywood-Geschichten gibt Albert Camus viel Raum zum Nachdenken, wenn er erzählt, wie die hochansteckende Krankheit sich in die Gesellschaft einschleicht, in die Behörden, in jedes Leben, wie sie alles verändert, unterminiert, wie die Bewohner gefangen sind in der algerischen Stadt Oran.

Mehr noch, es gibt das, womit Camus berühmt geworden ist: Er gibt Raum, über existentielle Fragen nachzudenken, über Sinn, Absurdität, Solidarität, auf dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der Erfahrungen der Résistance. Wofür lebt man? Was kann man tun, um durch schwierige Zeiten zu kommen? Warum stemmt man sich mit aller Macht gegen eine Seuche, wenn schließlich doch jedes Leben tödlich endet? Was machte die frühere Normalität aus, nach der sich die meisten so sehr sehnen?

 

Die aktuelle Krise für einen Moment hinter sich lassen

Wer aber hat in diesen Tagen nicht nur Zeit, sondern auch die nötige innere Ruhe, um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen? Viele sind mit der Rettung ihres Unternehmens befasst, ihres Jobs, ihrer finanziellen Existenz, ihrer beruflichen Zukunft. Oder allein die Organisation des neuen Alltags beansprucht viele Familien.

 

 

Zum Glück gibt es reichlich alternativen Lesestoff – auch und gerade für die, die zwischendurch mal Abstand brauchen. Jetzt könnte Zeit sein, sich mit den Büchern von Olga Tokarczuk zu befassen, der Nobelpreisträgerin von 2019, die in den Debatten um Peter Handke in den Hintergrund geraten ist. Oder gerade erschienen: Lutz Seilers Nachwenderoman Stern 111, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Ebenfalls für anspruchsvolle Leser*innen: Ingo Schulzes Die rechtschaffenen Mörder – über einen Antiquar im Internetzeitalter.

Zur Abwechslung sinnfrei geht natürlich auch: Auf meinem Entspannungsbücherstapel liegt ganz oben Krischan Kochs Küstenkrimi Friedhof der Krustentiere. Ich setze darauf, dass er eine frische Brise in die verschlossene, urlaubsferne Wohnung bringt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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