Berühmte Patientin

Biografischer Roman über Freuds Hysterie-Patientin „Dora“: Katharina Adler rekonstruiert das Leben ihrer Urgroßmutter – aber wofür?

Waren es physische Krankheiten oder Symptome für seelische Verstörungen: Husten, Stimmverlust, Migräne, Übelkeit, Gesichtslähmungen? Es waren Symptome, so legt es Katharina Adler nahe und folgt damit in ihrem Debütroman dem Analytiker, wenn sie von ihrer Urgroßmutter erzählt, von Ida Adler, geborene Bauer, deren Vater sie zur Rede-Kur zu Sigmund Freud schickte. Von Montag bis Samstag ging sie jeden Tag von der Berggasse 32, wo sie mit ihrer Familie wohnte, zum Doktor Freud in die Berggasse 19 und wurde auf seiner Analytiker-Couch zum berühmten Fall „Dora“.

Zu bereden gab es viel: Die kaputte Beziehung der Eltern; die unnahbare, bis zur Grausamkeit kalte Mutter; der Vater, ein Textilfabrikant, der die Syphilis mit in die Ehe gebracht hatte; seine Krankheiten, die zeitweilige Erblindung – seine Frau wollte sich nicht um ihn kümmern, dem Personal wollte sie die Pflege nicht zumuten, also musste die achtjährige Ida es tun.

Dazu kam, dass der Vater sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlte, deren Mann schließlich die 13-jährige Ida bedrängte. Und dann gab es in ihrer dysfunktionalen Familie, in der das alles unter den Teppich gekehrt wurde, noch die zweite Berühmtheit in Idas Leben neben Freud: ihren Bruder Otto, der später den Austromarxismus mitbegründete.

Detailreiche Biografie Nacherzählung

Vorher aber suchte der Herr Doktor nach Ursachen und bemühte sich darum, der 18-jährigen Ida klarzumachen, was sich in ihrem Kopf im Verborgenen abspielte. Verantwortlich für die Beschwerden seien heimliche Rachegelüste, Eifersucht – und der Ekel, den sie bei den Annäherungsversuchen empfunden hatte, sei eigentlich der Wunsch nach ihnen. Ida aber passten seine Deutungen nicht, und sie brach die Rede-Kur nach knapp drei Monaten lieber ab.

Das alles ist bekannt: Freud hat über diesen Fall geschrieben. Katharina Adler bemüht sich nun aber darum, aus dem Fall wieder einen Menschen werden zu lassen. In leicht lesbarer Prosa stellt sie Ida Bauer-Adler vor – und lädt damit zum Nachdenken ein: über die Leistungen Freuds wie über seine Grenzen – und wer mag, kann sich auch noch einmal mit „Dora“ als widerspenstiger Figur befassen, die später für Feministinnen eine Rolle spielen sollte.

Dennoch: Der Roman bleibt eine biographische Rekonstruktion, eine mit Familienerinnerungen angereicherte Nacherzählung. Schade: Mehr als die Überraschung darüber, wie unsympathisch die Autorin ihre Urgroßmutter zeigt – als eine herrische Frau, so kalt und egoistisch wie die Mutter –, hatte ich mir schon erhofft.

Katharina Adler: Ida. Rowohlt, Juli 2018, 512 Seiten, 25 Euro

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