Berlin 1935

Dieser historische Kriminalroman ist mehr als ein Whodunit und ein Ausflug in die Vergangenheit: Er befasst sich eindrücklich mit der Faszination des Autoritären.

Marlow ist bereits der siebte Band der Reihe um Gereon Rath. Der erste aber hat gerade noch einmal Furore gemacht: Der nasse Fisch. Der Kriminalroman, der im Jahr 1929 spielt, war die Vorlage für die bis dahin teuerste deutsche Fernsehproduktion: Tom Tykwers Babylon Berlin, die erst auf Sky gezeigt wurde und jetzt im Ersten zu sehen war. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernseh- und dem Grimme Preis.

Beiden – dem Buch wie der Fernsehserie – gelingt es, die 1920er Jahre einzufangen: die Freiheit, die mit einem Mal möglich ist, Charleston, Partys, Champagner. Bewegung ist zu spüren, Aufbruch, Autos fahren durch die Städte, Flugzeuge erheben sich in die Luft. Es gibt Telefone, Filme, die Psychoanalyse, aber auch die Wirtschaftskrise und Putschversuche – das Ende der Weimarer Republik kommt näher. Es sind die Goldenen Zwanziger mit viel Schatten, die Kutscher in Szene setzt, und Berlin ist nicht nur Kulisse, sondern spielt eine Hauptrolle.

 

Chandler meets Döblin

Dass das Buch gelungen ist, finden auch Mitarbeiter_innen der Deutschen Welle. Sie haben den Auftakt der Reihe gerade geadelt, indem sie den ersten Rath-Krimi in ihren Kanon – die 100 deutschsprachigen Bücher, die sie ausländischen Leser_innen empfehlen – aufgenommen haben (https://www.dw.com/downloads/45774682/100gutebuecher.pdf). Voraussetzung für die Aufnahme in diesen Kanon ist die Übersetzung ins Englische – Kutschers Bücher haben selbst die für deutsche Krimis hohe Hürde in die USA genommen.

So kann man es heute kaum glauben: Anfangs habe sich kein Verlag für den ersten Band um Gereon Rath interessiert, hat der Autor mir erzählt. Keiner wollte diesen Kriminalroman, der eine Hommage an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz wie an Raymond Chandlers Krimireihe um Privatdetektiv Philip Marlowe ist.

2007 veröffentlichte schließlich Kiepenheuer & Witsch den ersten Band der Reihe und legte damit den Grundstein für den großen Erfolg. Und doch: Soll man auch noch den siebten Band lesen, ein Buch über eine Zeit, die gut dokumentiert ist und über die schon viel gesprochen wurde? Grundlegend Neues ist nicht zu erwarten, und auch die Figuren sind längst eingeführt. Aber ja, es lohnt sich.

 

Die Diktatur zeigt ihr Gesicht

Mit dem siebten Band ist Volker Kutscher im Berlin von 1935 angekommen und nimmt seine Leser_innen mit in eine Welt, die sich sehr schnell verändert. Eine Welt, in der Rath und seine Mitstreiter_innen laufend Situationen sowie Menschen neu beurteilen und Entscheidungen treffen müssen: Wer engagiert sich wie bei den Nazis, wer ist Mitläufer, wer Denunziant? Wer will Karriere machen um jeden Preis, nutzt die Berufsverbote für Juden, forciert sie sogar? Wie zackig ist der Deutsche Gruß zu erwidern, welche Bücher kann man lesen, wie viel Spielraum gibt es, sich den Nazis zu entziehen?

In diesem siebten Band wechselt Rath von der Mordkommission ins Landeskriminalamt. Vorher aber ist er noch mit einem seltsamen Fall befasst: Ein Taxifahrer rast in eine Mauer, absichtlich, so scheint es, er und sein Fahrgast sind sofort tot. Offiziell schließt Rath den Fall schnell ab, ermittelt aber heimlich weiter, als ihm klar wird, dass Herman Göring eine Rolle spielt.

 

Gute Zeiten für Kriminelle

Zudem ist Rath wieder mit Johann Marlow konfrontiert, mit dem Gangsterkönig, von dem der Kommissar selbst lange Zeit Geld angenommen hat, mit dem er inzwischen aber nichts mehr zu tun haben will. Auch Marlow – seinen Namen hat Kutscher von einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern, er erinnert aber natürlich auch an Chandlers Marlowe – geht neue Wege, zieht sich aus dem Unterwelt-Milieu zurück, ist Mitglied der SS geworden, macht jetzt Geschäfte mit den Nazis.

Während der Kommissar sein eigenes Süppchen kocht, oder eigentlich: eine dunkle Brühe, ist seine Frau Charly mit Kleinkram beschäftigt. Im Nazi-Deutschland kann sie ihr Jurastudium nicht beenden, kann nicht als Anwältin arbeiten, ist stattdessen als Anwaltsgehilfin tätig und übernimmt kleine Aufträge für ein Detektivbüro. In ihrer selbstständigen, taffen Art entspricht sie nicht der nationalsozialistischen Vorstellung von der deutschen Frau und Mutter – und natürlich ist sie als Sympathiefigur gedacht, die insbesondere Leserinnen anspricht (Tykwer macht aus ihr in der Fernsehserie eine Teilzeitprostituierte und gibt so diesem eigentlich dunklen Geschäft eine bunte Note, auf die ich lieber verzichtet hätte).

Fritze dagegen, der Pflegesohn der Raths, marschiert mit der Hitlerjugend zum Parteitag nach Nürnberg, saugt auf, was die NSDAP von einem deutschen Jungen erwartet, will unbedingt dazugehören – während Charly das alles ablehnt und Gereon es am liebsten nicht ernst nehmen will, sondern darauf hofft, dass der Nazi-Spuk bald zu Ende geht.

 

Mehr als Mitläufer: Begeisterte Fans

Geplant war, dass Marlow das Ende der Krimi-Reihe einläutet. Ursprünglich wollte Kutscher sie mit dem achten Band beenden und mit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Inzwischen erscheint ihm die bombastische Inszenierung der Nazis aber als zu positiv. Stattdessen plant er einen abschließenden neunten Band und will mit den Pogromen im Jahr 1938 enden.

Marlow ist aber jetzt schon, den dunklen Seiten der Zeit zum Trotz, ein Highlight der Reihe: mit seinen Einblicken in ein Land, das den Führer begeistert feiert und mit fliegenden Fahnen der Umwandlung in eine Diktatur zustimmt. Kutscher lässt seine Leser_innen den Sog der Masse spüren, und zeigt deutlich, was später so gern geleugnet wurde: Viele haben die antidemokratischen, archaischen, brutalen Seiten der Nationalsozialisten in Kauf genommen, manche(r) hat sie auch gewollt.

Das ist es, was bemerkenswert an dieser Buch-Reihe und besonders an diesem Band ist: Er öffnet Räume, über autoritäre Führer und Regime nachzudenken, über die Faszination, die sie ausüben – damals wie heute.

Volker Kutscher: Marlow. Der siebte Rath-Roman. Oktober 2018, Piper, 528 Seiten, 24 Euro

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